• Wochenende im Zeichen der weissen Pracht

Wochenende im Zeichen der weissen Pracht

19.01.2021 ÜSÉ MEYER, Journalist

Während des zweitägigen Grundkurses Lawinen im Lidernengebiet (UR) hat uns Bergführer Michel Alessandri bewiesen: Es gibt tatsächlich Menschen mit einem Gespür für Schnee.

Wie immer im Leben ist das besonders Schöne meist besonders gefährlich. Wer sich abseits der präparierten Pisten bewegt, sollte deshalb einen Lawinenkurs besuchen.

Die Zeit ist unser Gegner. «Los, los – schneller!» Der Wind pfeift uns kalt um die Ohren, die Anweisungen sind im Getöse kaum zu verstehen. Stefan schaufelt wie wild, keucht, schwitzt. Der Schnee, den er hinter sich wirft, wird von Markus und dann von Gustav weiter nach hinten verfrachtet. Nach 60 Sekunden werden im Eiltempo die Positionen gewechselt. Nun schaufelt Markus zuvorderst. Auf dieser Position ist die Arbeit extrem anstrengend, der Schnee hart und schwer. Über einen Meter tief haben wir schon gegraben. Der Puls ist am Limit. Was gäben wir darum, endlich auf Michels mintgrünen Rucksack zu stossen. Die Minuten verrinnen – und genau Minuten entscheiden bei einem Lawinenunglück über Leben und Tod.

«Snowboarder bei Engelberg durch Lawine verletzt», «Deutscher stirbt nach Lawinen-Drama im Wallis»: Die Schlagzeilen, die sich durch eine Wintersaison jagen, tönen immer ähnlich. Um möglichst nie selbst Teil einer solchen Schlagzeile zu werden, haben sich für dieses Wochenende 16 Personen für den «Grundkurs Lawinen» der Alpinschule «Berg+Tal» angemeldet. Aufgeteilt in zwei Gruppen haben wir uns zu unserem Kursort, der Lidernenhütte östlich des Urnersees, aufgemacht: mit der winzigen, vom Landwirt betriebenen Luftseilbahn von Chäppeliberg hinauf, dann mit den Fellen an unseren Skiern in 15 Minuten hinüber zur SAC-Hütte. Dort hiess es: Fensterläden zu, Beamer an, Notizblock und Kugelschreiber zur Hand.

Was der Laie nicht gedacht hätte

Nach unserem Theorieblock sind wir ins freie Gelände aufgestiegen. Das Wetter hat mittlerweile umgeschlagen. Die Sonne ist weg, der Wind bläst eisig. Vorher, in der warmen Stube, haben wir gelernt: Nach 15 Minuten schwindet die Überlebenschance in einer Lawine drastisch. Wir schaufeln bereits seit 20 Minuten. Das ist schlecht. Knapp zwei Meter tief haben wir schon gegraben. Dann, endlich, stösst Gustavs Schaufel auf Widerstand und mintgrün schimmert Michels Rucksack unter der Schneeschicht. Bergführer und Kursleiter Michel Alessandri grinst: «Ihr habt meinen Rucksack aber auch etwas gar tief vergraben.» Die durchschnittliche Verschüttungstiefe liege bei rund einem halben bis einem Meter, erklärt er uns. Was wir bei der Übung mit dem Lawinenverschütteten- Suchgerät (LVS) gelernt haben? Mit einem 3-Antennen-LVS findet man ein Lawinenopfer in wenigen Minuten, die Feinsuche per Sonde, einer zusammensteckbaren Aluminiumstange, ist trotz modernen LVS zur exakten Ortung wichtig, und das Schaufeln ist anstrengend und zeitraubend. «Und, gopferteckel, warum müssen wir zu dritt schaufeln und den Schnee mühsam weit nach hinten verfrachten?», haben wir Michel keuchend gefragt. Weil wir nicht wissen können, in welche Richtung der Verschüttete liegt. Im dümmsten Fall buddeln wir erst nur die Füsse frei und müssten genau dort zum Kopf des Verschütteten hinunter graben, wo dann unser Schneehaufen liegen würde.

Während wir draussen unterwegs sind, stellt uns Michel immer wieder Fragen zu unserer eigenen Einschätzung der momentanen Situation. Und er mahnt uns: «Überprüft dauernd, ob die Gefahr gemäss Lawinenbulletin mit derjenigen hier vor Ort übereinstimmt!» Er erklärt uns, dass Neuschnee grundsätzlich problematisch ist, dass die sogenannte «kritische Neuschneemenge» aber von der Unterlage abhängt und je nachdem zwischen 10 bis 50 Zentimetern liegt. Wir erfahren, dass die meisten Lawinen von den Tourengängern selbst ausgelöst werden, dass eine Spitzkehre im Aufstieg die Schneedecke um das Zwei- bis Dreifache des Körpergewichtes belastet, ein Sturz während der Fahrt sogar bis um das Zwölffache. «Bei gewissen Bedingungen gibt es deshalb Passagen, wo man schlicht nicht stürzen darf», sagt Kursleiter Michel. Und was der Laie auch nicht gedacht hätte: Bereits bei «erheblicher» Lawinengefahr, der drittgrössten von insgesamt fünf Gefahrenstufen, ist sogar eine Fernauslösung möglich – von einem einzelnen Tourengänger, der unten im Talgrund unterwegs ist, kann am Hang oben eine Lawine ausgelöst werden. 

Lernen im Schlaf

Nach Apéro und feinem Abendessen sitzen wir noch gemütlich beisammen. Einige jassen, andere diskutieren, welches nun das beste LVS oder die praktischste Schaufel ist und erzählen von ihren Touren- Erfahrungen. Ski- und Schneeschuhtouren sind im Trend. «Immer mehr Leute sind im Winter unterwegs», bestätigt Michel. Die Nacht draussen ist sternenklar. Sehr gut. Das haben wir nämlich auch gelernt: Insbesondere im Frühling ist es wichtig, dass sich der warme Schnee in der Nacht abkühlen und damit setzen kann – das verringert die Lawinengefahr, und dazu braucht es klare und kalte Nächte. Mitten in der Nacht weckt uns der Föhnsturm, der an den Fensterläden rüttelt. «Der Wind ist der Baumeister der Lawinen», hat uns Michel am Nachmittag gesagt. Der Wind verfrachtet den Schnee, und damit kann es an den windabgeneigten Hängen zu Triebschneeansammlungen kommen – was dort zu einem erhöhten Lawinenrisiko führt. So verinnerlichen wir das Gelernte schon fast im Schlaf.

Morgens um halb acht sind wir bereits wieder auf den Skiern und steigen in Richtung Hundstock auf. Der Sturm hat sich gelegt, wir geniessen schönstes Wetter. Wir wissen nun also: Faktoren, die das Lawinenrisiko beeinflussen, sind Niederschlag, Temperatur, Wind und der Mensch. Da fehlen noch zwei weitere Punkte: das Gelände und die Schneedecke. Beim Gelände ist die Steilheit massgebend: Erst ab einer Hangneigung von 30 Grad können Lawinen entstehen. «So richtig Spass macht das Skifahren aber erst ab über 30 Grad», bringt Michel das Dilemma auf den Punkt. Er zeigt auf ein kleines Tännchen oberhalb eines steilen Hanges. Dorthin müssen wir unseren eigenen Weg finden, möglichst so gewählt, dass wir nie in eine Hangneigung von über 30 Grad geraten. Nur zwei von sieben schaffen es, denn das ungeübte Auge lässt sich aus der Distanz schnell täuschen. Danach zeigt uns Michel, wie man mithilfe der Skistöcke im Hang die Neigung berechnen kann.

Und so sind wir an diesem Morgen gemütlich unterwegs: etwas Aufsteigen, kurze Abfahrten, erneutes Aufsteigen und dazwischen immer wieder die Theorie in der Praxis angewandt. Zu guter Letzt müssen wir wieder schaufeln. Diesmal sogar zwei Löcher, eines an einem Nord-, das andere an einem Südhang. Nun geht es um den Aufbau der Schneedecke als letzten Faktor für die Lawinenbildung: Je mehr Schichten und je weniger gut sie miteinander oder mit dem Untergrund verbunden sind, um so höher das Risiko eines gefährlichen Schneebrettes. Mit halb geschlossenen Augen fährt Michel ganz langsam und gefühlvoll mit dem Zeigfinger von oben nach unten durch den freigelegten Schnee. Jede gespürte Veränderung der Schneehärte markiert er mit einer Kerbe. Wie meist üblich hat es am Nordhang mehr Schichten, die ausserdem weniger gut miteinander verbunden sind. Mit Michels Gespür für Schnee können wir natürlich nicht mithalten, aber wir haben von der weissen Pracht nun wenigstens eine Ahnung. Und so werden wir von nun an abseits der Pisten nicht mehr völlig blauäugig durch die Gegend stieben.

Grundkurs Lawinen

Aufgrund der Corona-Situation bietet die Alpinschule Berg+Tal derzeit nur Lawinenkurse mit Unterbringung im Hotel / Berghotel (keine SAC-Hütten) an.

Kosten für zwei Tage inkl. Übernachtung / Halbpension von Fr. 455.– bis Fr. 485.– 

(Lawinenkurse werden auch vom SAC und von anderen Bergsportschulen angeboten.)

Sonne, Schnee und frische Luft
BILD ZVG

Sonne, Schnee und frische Luft

Ferien in der Schweiz – Während des Tages die Winterlandschaft aktiv erleben, und abends im Wellnessbereich entspannen und sich kulinarisch verwöhnen lassen.