• «Wir reden ja hier nicht von Abfall ...»

«Wir reden ja hier nicht von Abfall ...»

26.11.2020 Yvonne Lemmer, HEV Schweiz

Die Hauseigentümer-Redaktion hat mit Enrico Marchesi, Innovation Manager beim NEST, Forschungs- und Innovationsgebäude der Empa und Eawag, über das Potenzial wiederverwertbarer Rohstoffe beim Bauen gesprochen. In der «Urban Mining & Recycling»-Unit des NEST sind 96 Prozent der für den Bau verwendeten Ressourcen vollständig wiederverwendbar, wiederverwertbar oder kompostierbar.

HAUSEIGENTÜMER: Herr Marchesi, in der Unit «Urban Mining & Recycling» (UMAR) trifft man auf eine Isolationsschicht aus alten Jeans, eine Tischplatte aus gebrauchten Tetra Paks oder eine Küchenabdeckung aus Altglas. Welche recycelten Materialien kommen noch zum Einsatz?

ENRICO MARCHESI: Natürlich sind in UMAR viele weitere spannende Materialien im Einsatz. Darunter z. B. Trockenbauplatten aus Abfallzellulose, Backsteine aus mineralischem Bauschutt oder wiederverwendete Türgriffe aus einer alten belgischen Bank. Die gesamte Materialliste mit Datenblättern können Interessierte auf der UMAR-Website abrufen.

Gibt es Abfall, der sich besonders für einen bestimmten Raum wie für Küche, Bad, Wohnzimmer eignet?

Eigentlich nicht. Wir reden ja hier auch nicht von Abfall, sondern von hochwertigen Bauprodukten. Diese Produkte sind genau auf den jeweiligen Anwendungsfall hin entwickelt und optimiert. Sie erfüllen alle Anforderungen und Normen und sind auch preislich interessant. Oft ist der Ausgangsrohstoff gar nicht mehr als solcher erkennbar. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass dieser Ausgangsrohstoff nicht aus natürlichen Lagerstätten stammt, sondern aus vorhandenen Stoffkreisläufen.

Wäre es denkbar, dass ein Privathaushalt seine eigenen Abfallprodukte im Haus verbaut?

In grossem Massstab wohl eher nicht. Nochmal, wir reden hier nicht von Gebäuden, deren Bauteilen man die Herkunft direkt ansieht oder diese im schlimmsten Fall auch riechen kann. Die heutigen Standards der Bauindustrie bezüglich Möglichkeiten, Qualität und Preis sind gesetzt. Es ist schwer vorstellbar, dass der Markt hier Rückschritte akzeptieren wird. Diese Standards sind nur mit dem effizienten Wirtschaftssystem zu halten, über das wir heute verfügen. Diese Effizienz und Innovationsfähigkeiten können und sollten wir uns zunutze machen, um die drängenden Forderungen nach nachhaltigerem Wirtschaften in grossem Massstab erfüllen zu können.

Die privaten Personen sind aber wichtig. Sie bestimmen mit ihrem individuellen Konsum- und Kaufverhalten massgeblich, wohin die Reise geht. Und dies gilt nicht nur für das Bauwesen, sondern ganz allgemein. Einer der grössten Hebel bei der Bewältigung von Rohstoffknappheit und Abfallbergen ist erst mal die Vermeidung von Abfall.

Welcher Grundgedanke steckt hinter der Unit Urban Mining & Recycling?

Der Grundgedanke ist die Kreislaufwirtschaft. Unsere Gesellschaft und Wirtschaft hat – insbesondere seit dem Beginn der Industrialisierung – eine lineare Materialwirtschaft betrieben. Materialien werden aus natürlichen Vorkommen gewonnen, zu Produkten verarbeitet und nach der Nutzung entsorgt. Heute kommen wir zunehmend an einen Punkt, an dem die natürlichen Vorkommen versiegen und Lösungen gefragt sind. Der einzige, wirklich langfristig nachhaltige Lösungsweg ist die Kreislaufwirtschaft. Die verwendeten Materialien werden nicht verbraucht und dann entsorgt; vielmehr werden sie für eine bestimmte Zeit aus einem technischen bzw. natürlichen Kreislauf entnommen und später wieder in diese Kreisläufe zurückgeführt.

Recycling ist uns allen ein Begriff, aber was ist «Urban Mining»?

Wenn wir das Prinzip der Kreislaufwirtschaft konsequent auf die Bauwirtschaft anwenden, wird aus unserer bebauten Umwelt ein temporäres Materiallager. Aus diesem Materiallager können wir uns bedienen und sind damit weniger auf natürliche Lagerstätten angewiesen. Man spricht in diesem Zusammenhang von der «Urbanen Mine», welche die natürlichen Rohstoffminen entlastet oder sogar komplett ersetzt. Essenziell in diesem Bestreben ist das Konzept des «Design for Disassembly». Frei übersetzen könnte man das vielleicht mit «Einfacher Rückbau». Wir stellen fest, dass sich das Interesse und die Fragen zum Thema oft sehr stark auf die verwendeten Materialien konzentrieren. Aber auch die sorgfältigste Auswahl von nachhaltigen Materialien verfehlt ihren Zweck, wenn diese Materialien beim Um- oder Rückbau nicht mehr voneinander getrennt und einer neuen Verwendung zugeführt werden können. Die wirklichen Innovationen in der UMAR-Unit sind deshalb nicht die Materialien, sondern die Architektur und insbesondere die Konstruktion. Die Unit ist so gebaut, dass sie auf einfache und bezahlbare Weise sortenrein wieder in ihre einzelnen Materialbestandteile zerlegt werden kann.

Gibt es in der Schweiz Gebäude, die nach dem Prinzip von Urban Mining & Recycling gebaut wurden?

Es gibt solche konsequenten Projekte, aber nachhaltiges Bauen im Sinne der Kreislaufwirtschaft ist keine Ja- / Nein-Entscheidung. Mit unserer UMAR-Unit wollten wir zum Beispiel aufzeigen, inwieweit kreislaufgerechtes Bauen heute möglich ist. Der lange Weg zu einer vollständigen Kreislaufwirtschaft liegt aber grösstenteils noch vor uns und setzt sich aus vielen kleinen Einzelschritten zusammen. Für den Bauherrn bedeutet das heute also nicht, dass er das Ziel so konsequent wie die Empa in ihrem Leuchtturmprojekt verfolgen muss. Vielmehr sind in jedem Projekt immer wieder Konzepte, Lösungen und Entscheidungen zu hinterfragen. Diese Entwicklung hat heute in der Schweiz bereits begonnen. Die Politik ist dabei, entsprechende Anreizsysteme zu schaffen, und die Bauherren beginnen damit, das Thema auf ihre Agenda zu nehmen. Und es gibt diverse Vorreiter mit entsprechend konsequenten Projekten. Wir stellen aber auch fest, dass bei diversen Bauvorhaben ohne explizit ausgewiesenes Kreislaufkonzept vermehrt Planungs- und Ausführungsentscheide getroffen werden, die auf Kriterien der Nachhaltigkeit basieren.

Wir haben gelesen, dass die Unit plant, in Zukunft sogenannte kultivierte Baumaterialien wie Pilze beim Bauen einzusetzen – anstelle von Beton. Wie genau lassen sich Pilze als Baustoff verwenden?

Das Wurzelwerk von Pilzen (Mycelium) und landwirtschaftliche Abfälle (z.B. Reste der Maispflanze) bilden die Ausgangsstoffe des Materials. Die feuchte Mischung der Rohstoffe wird in eine Form gegossen. Der Pilz wächst in diese Form hinein und füllt sie schliesslich komplett aus. Je nach Pilzart und landwirtschaftlichem Abfall können die Eigenschaften des Bauelements angepasst werden. In UMAR haben wir Dämmplatten aus diesem Werkstoff verwendet. Das Produkt hat hervorragende Dämmeigenschaften, ist komplett biologisch und damit auch uneingeschränkt kompostierbar. Dieser Produkttyp ist jedoch nicht für tragende Anwendungen geeignet. Das ist zurzeit noch Forschungsgebiet, und bisher sehen wir noch keine Produkte, welche die Anforderungen nach Tragfähigkeit erfüllen. Man darf aber wohl gespannt sein.

Wie können Interessierte vorgehen, wenn sie das Prinzip des Urban Mining & Recycling für ihr eigenes Bauvorhaben übernehmen möchten?

Die erste Voraussetzung ist sicherlich das Bewusstsein für das Thema und eine kritische Haltung. Fordern Sie damit Ihre Architekten, Unternehmer und Dienstleister heraus! Fragen Sie gezielt nach, ob und wie nachhaltiges Bauen und die Kreislaufwirtschaft berücksichtigt werden. Wichtig ist, dass diese Themen nicht erst bei der Ausführung als Nebenthemen unter vielen anderen adressiert werden. Sie gehören von Anfang an als Planungsgrundlage und Entscheidungsprinzip ganz oben auf die Projektagenda. Wer sich generell für Kreislaufwirtschaft interessiert, kann sich z.B. an die Wissens- und Netzwerkplattformen Circular Economy Switzerland oder Circular Hub wenden. Für Bauherren ist auch der Verein Ecobau interessant. In diesem Verein haben sich Bauämter von Bund, Kantonen und Städten zusammengeschlossen, mit dem Zweck, das ökologische und gesunde Bauen zu fördern. Im Zentrum der Vereinsaktivitäten stehen die Entwicklung und Verbreitung von Planungswerkzeugen für nachhaltige, ökologische und gesunde Bauweisen.

NEST: Unit Urban Mining & Recycling

NEST ist das modulare Forschungs- und Innovationsgebäude der Empa und Eawag, das 2016 in Dübendorf eröffnet wurde. Im NEST werden neue Technologien, Materialien und Systeme unter realen Bedingungen getestet, erforscht, weiterentwickelt und validiert. Zurzeit sind im NEST sechs verschiedene Units in Betrieb, eine davon ist UMAR – Urban Mining & Recycling. In der von Werner Sobek mit Dirk E. Hebel und Felix Heisel konzipierten Unit spielt der Kreislaufgedanke eine zentrale Rolle. Es wird aufgezeigt, wie ein verantwortlicher Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen mit einer ansprechenden Architektur kombiniert werden kann. UMAR wurde im November 2017 eröffnet. Weitere Infos unter: www.empa.ch/de/web/nest und www.nest-umar.net