• Winterfütterung von Vögeln

Winterfütterung von Vögeln

15.10.2020 JOHANN VON HIRSCHHEYDT, Schweizerische Vogelwarte, Sempach

Wenn die letzten Felder abgeerntet sind und man die Natur wegen Kälte, Nieselwetter oder Schnee nur noch durch geschlossene Fensterscheiben geniessen mag, fragen sich viele Naturfreunde, wie die einheimischen Kleinvögel in der dunklen Jahreszeit bei uns wohl zurechtkommen und ob man ihnen nicht helfen müsse.

Nachfolgend gibt die Vogelwarte Antworten auf häufig gestellte Fragen.

Ist es nötig, Kleinvögel zu füttern?

Die Kleinvögel, die den Winter bei uns verbringen, kommen mit den hier herrschenden Bedingungen auch im Winter sehr gut zurecht. Zu den häufigsten Gästen an den Futterstellen gehören Haus- und Feldsperling, Kohl- und Blaumeise. Sie leben das ganze Jahr im Brutgebiet und werden deshalb als Standvögel bezeichnet. Auch Rotkehlchen, Amsel oder Buchfink besuchen gerne Futterstellen. Sie brüten zwar bei uns, verlassen uns aber grösstenteils im Herbst und verbringen den Winter im milderen Mittelmeerraum. Sie sind sogenannte Kurzstreckenzieher. Die Vögel dieser Arten, die man im Winter bei uns antrifft, stammen aus Gebieten zwischen Ostdeutschland und dem Baltikum, wo die Winter meist härter sind. Sie verbringen die kalte Jahreszeit bei uns, weil sie hier Bedingungen antreffen, unter denen sie leichter überleben können. Sie sind zudem jederzeit in der Lage, bei einem plötzlichen, harten Wintereinbruch in mildere Gebiete weiterzufliegen. Die Bestände aller genannten Arten haben seit 1990 schweizweit zugelegt. Objektiv gesehen ist es also nicht nötig, die Kleinvögel im Winter zu füttern.

Was bringt die Winterfütterung dann den Vögeln?

Für den Schutz gefährdeter Arten praktisch nichts! Wenn wir die Vögel füttern, tun wir dies ja auf dem eigenen Balkon oder im eigenen Garten. Wir erreichen damit deshalb nur Vögel, die zu dieser Zeit auch rund ums Haus leben. Das sind in der Regel weitverbreitete und häufige Arten. Vögel gefährdeter Arten, die in der Schweiz immerhin 40 Prozent der Brutvögel ausmachen, kommen kaum ans Futterhaus.

Mit der Fütterung erleichtern wir den Vögeln, die sich regelmässig an den Futterstellen verpflegen, das Überleben, vor allem wenn es sich um geschwächte Tiere handelt. In Perioden mit besonders harschen Winterbedingungen wie tiefem Schnee, anhaltendem Frost oder Eisregen kann eine Fütterung generell unterstützend wirken.

Gibt es weitere Gründe für das Füttern von Kleinvögeln?

Die gibt es durchaus, denn am Futterhaus bieten sich für uns selber tolle Einblicke in die einheimische Vogelwelt. Kinder können dort prägende Eindrücke für das ganze spätere Leben mitnehmen, und für manchen engagierten Vogel- und Naturschützer haben die Freude und das Interesse an der einheimischen Tierwelt mit Erlebnissen an der eigenen Futterstelle begonnen. Schliesslich bietet das Treiben am Futterhaus auch für ältere Leute mit reduzierter Mobilität ein abwechslungsreiches Naturschauspiel, auf das sie sonst vielleicht ganz verzichten müssten.

Kann das Füttern für die Vögel auch Nachteile haben?

Das ist leider so! Wie wichtig das Einhalten von Hygienemassnahmen ist, erleben wir seit einigen Monaten ja selbst hautnah. Dies gilt nicht nur für Menschen, sondern auch bei der Vogelfütterung. Denn dort, wo regelmässig viele Vögel zusammenkommen, wie eben an Futterstellen, besteht die Gefahr, dass sich unter den Vögeln Infektionskrankheiten ausbreiten. Gewisse für Vögel potenziell tödliche Krankheiten werden über den Speichel, andere über den Kot infizierter Vögel übertragen. Deshalb legen wir in unserem Merkblatt zur Fütterung von Kleinvögeln sehr viel Wert auf Hygiene am Futterplatz. Sollten Sie an Ihrer Futterstelle tote oder apathische, struppig wirkende und aufgeplusterte Vögel beobachten, melden Sie sich bei uns (Tel. 041 462 97 00)!

Wie kann man am Futterplatz die erforderliche Hygiene erreichen?

Am wichtigsten ist, dass das Futter durch die Kleinvögel möglichst wenig verunreinigt werden kann. Säulenförmige Futterautomaten mit seitlichen Entnahmestellen oder Futterhäuser mit geschütztem Reservebehälter und schmalen Krippen, in die sich die Vögel nicht hineinsetzen können, bieten dafür die besten Voraussetzungen. Eine Problemzone ist der Boden unter den Futterentnahmestellen, wo sich neben Körnern auch Kot ansammelt. Diverse Vögel bedienen sich an diesem Gemisch und stecken sich dort besonders leicht an. Wenn man die Vögel nicht mit einem passenden Gitter von diesen Bodenpartien fernhalten kann, sollte man dort mindestens einmal täglich gründlich sauber machen. Letzteres gilt auch für Vogeltränken und -bäder.

Welches Vogelfutter ist geeignet?

Das Futter sollte möglichst der Nahrung entsprechen, welche die Vögel auch im natürlichen Umfeld finden würden, also Samen wie Sonnenblumenkerne oder Hanfsamen, einheimische Nüsse oder Obst. Nicht dazu gehören verarbeitete und gewürzte Produkte wie Brot, Käserinde oder Essensreste. Es gibt Hinweise darauf, dass stark fetthaltiges Futter bei Meisen, die regelmässig davon fressen, den Bruterfolg massiv reduzieren kann.

Worauf sollte man bei einer Futterstelle noch achten?

Bieten Sie das Futter an einem übersichtlichen Ort an, wo sich im Umkreis von 2 bis 5 Metern keine Katze verstecken kann. In grösserer Entfernung sind Sträucher oder Bäume als Deckung dagegen erwünscht. Früh morgens haben die Vögel am meisten Hunger; dann sollten die Futtervorräte aufgefüllt sein. Viele Vögel kommen auch am Nachmittag nochmals an die Futterstelle, um für die Nacht vorzusorgen. Füllen Sie die Futtervorräte jeweils am Abend so auf, dass sie für mindestens 24 Stunden reichen.

Nicht alle Leute mögen Vögel – muss man beim Füttern auf die Nachbarn Rücksicht nehmen?

In unserem dicht besiedelten Land ist der nächste Nachbar fast nirgends weit entfernt, und das Prinzip der Rücksichtnahme gilt auch beim Füttern von Kleinvögeln. Das Schweizer Fernsehen hat diesem Thema in der Kassensturzsendung vom 21. Februar 2017 einen eigenen Beitrag gewidmet. Kurz zusammengefasst gilt, dass man auch als Mieter(in) auf dem eigenen Balkon Vögel füttern darf, sofern die Nachbarschaft dadurch nicht übermässig leidet und man keine Tauben anlockt.

Wie kann ich den Vögeln sonst noch helfen?

Wer seinen Garten vogelfreundlich gestaltet, bietet verschiedensten Vogelarten ganzjährig Gratisfutter. Einige Singvogelarten sind Insektenfresser – man denke beispielsweise an die Schwalben – und praktisch alle Singvögel verfüttern ihren Jungen Insekten. In einem vogelfreundlichen Garten hat daher die Insektenförderung eine sehr hohe Priorität. Dies erreicht man, indem man einheimische Wildpflanzen duldet, pflanzt oder sät. Ganz besonders profitieren unsere Singvögel von beerentragenden Sträuchern, denn hier finden sie Nahrung, Brutplätze und Deckung. Zu einem vogelfreundlichen Garten gehört auch eine möglichst grosse Vielfalt an Lebensräumen und naturnahen Strukturelementen. Asthaufen sind beispielsweise beliebte Brutplätze für Rotkehlchen, während Spechte und andere Höhlenbrüter von alten Bäumen profitieren. Blumenwiesen und Rabatten mit einheimischen Stauden ziehen Insekten an und bieten im Herbst zudem Sämereien für verschiedene Finkenarten.

WEITERE INFOS

Das Merkblatt «Fütterung von Kleinvögeln» der Vogelwarte Sempach enthält alle wichtigen Informationen, die es bei der Winterfütterung von Kleinvögeln im Garten oder auf dem Balkon zu beachten gilt. Es kann bezogen werden unter: www.vogelwarte.ch/fuetterung-von-kleinvoegeln  

Hinweise zur naturnahen Gestaltung und Pflege des eigenen Gartens sind in zwei weiteren Merkblättern zusammengefasst: www.vogelwarte.ch/vogelfreundlicher-garten