< img src = https: //sb.scorecardresearch.com/p?c1=2&c2=35271428&cv=3.6&cj=1> "
  • Wildsträucher: Augenweide und Vogelparadies in einem

Wildsträucher: Augenweide und Vogelparadies in einem

08.03.2021 MARTINA SCHYBLI, Dr. med. vet. Schweizerische Vogelwarte Sempach

Auf dem eigenen Grundstück ergeben sich viele Möglichkeiten, die Vögel zu fördern. Die Pflanzung von einheimischen Sträuchern hat sich dabei besonders bewährt, denn diese bieten unseren gefiederten Nachbarn nicht nur Brutplätze, sondern vor allem auch ein reichhaltiges Buffet während des ganzen Jahres.

Gemäss einer kürzlich publizierten Studie sind Menschen, die in einer vogelreichen Umgebung leben, glücklicher. Auch wenn man über die Studie diskutieren kann, so lässt sich doch nicht verneinen, dass sich viele Menschen an unseren gefiederten Freunden erfreuen. Was liegt da näher, als sie im eigenen Garten beobachten zu wollen? 

Das einfachste Mittel hierfür ist die Installation eines Futterhauses für den Winter. Dies funktioniert meist recht gut und ermöglicht viele spannende Beobachtungen. An einem Futterhaus zeigen sich aber nur wenige Arten, zudem werden so keine Brutplätze geschaffen. Wer den eigenen Garten für eine möglichst breite Palette an Vögeln attraktiv gestalten möchte, tut daher gut daran, vielfältige Nahrungsquellen (also nicht nur Körnerfutter) sowie Strukturen anzubieten, die beispielsweise als Brutplatz dienen. Einheimische Sträucher ermöglichen hier eine Art All-inclusive-Angebot.

Insektenbuffet und Beerenbar

Einheimische Sträucher sind Teil des Nahrungskreislaufs. Der Nektar ihrer Blüten zieht Insekten an, die dann die Blüten bestäuben und so die Fruchtbildung in Gang bringen. Ihre Blätter sind wichtige Raupennahrung oder werden, einmal herabgefallen, von einer Vielfalt von Gliedertieren zersetzt und zu Erde umgewandelt. Diese Insekten und anderen Wirbellosen wiederum stehen auf dem Speiseplan zahlreicher Vogelarten. Etwa 40 Prozent der Schweizer Brutvogelarten ernähren sich nämlich fast ausschliesslich von Insekten. Weitere 25 Prozent haben als Altvögel zwar eine gemischte Diät, ziehen ihre Jungen aber vorwiegend mit Insekten auf.

Doch weshalb sind gerade einheimische Pflanzen so wichtig? Dies hängt damit zusammen, dass biologische Anpassungen über sehr lange Zeiträume hinweg stattfinden. Unsere Insekten sind folglich viel besser an einheimische Pflanzen angepasst und finden an ihnen mehr Nahrung als an exotischen Gewächsen, die erst seit vergleichsweise kurzer Zeit hier angepflanzt werden. Gewisse Bienen- und Schmetterlingsarten haben sich über Jahrtausende auf eine einzige Pflanzenart spezialisiert und können nur überleben, wenn diese Pflanze vorhanden ist.

Einheimische Sträucher bieten den Vögeln aber nicht nur ein Insektenbuffet. Viele Arten bilden im Spätsommer Beeren aus, die sowohl Zugvögeln als auch überwinternden Arten wertvolle Energie liefern. So stellt die Mönchsgrasmücke, eigentlich eine Insektenfresserin und daher ein Zugvogel, im Herbst ihre Nahrung auf zuckerhaltige Beeren um. Bei ihr beliebt sind beispielsweise die Beeren des Schwarzen Holunders (Sambucus nigra) – genauso wie bei 15 weiteren Vogelarten, unter ihnen auch speziellere Kandidaten wie beispielsweise die Wacholderdrossel.

Neben der Bereitstellung von Nahrung ermöglichen Sträucher den Vögeln auch Rückzugsmöglichkeiten, beispielsweise zum Schlafen sowie als Schutz vor Feinden oder Hitze. Sie dienen ferner eifrigen Sängern als Bühne – die vorhin erwähnte Mönchsgrasmücke ist beispielsweise ein Deckungssänger, singt also nicht exponiert von einer Warte, sondern verborgen aus dem Gebüsch heraus. Wenn es keine Sträucher gibt, in denen sie sich verstecken kann, bleibt die Mönchsgrasmücke mit ihrem angenehm flötenden Gesang dem Garten folglich fern. Last but not least bieten Sträucher auch Neststandorte. Besonders wertvoll sind dabei Dornensträucher wie beispielsweise Schwarz- und Weissdorn (Prunus spinosa bzw. Crataegus sp.) oder Wildrosen (z. B. die Hundsrose Rosa canina), da die Dornen das Nest besser vor Feinden schützen.

Für jedes Bedürfnis einen Strauch

Auch unsere menschlichen Bedürfnisse können mit einheimischen Sträuchern abgedeckt werden. Kornelkirsche (Cornus mas), Hainbuche (Carpinus betulus) und Gemeiner Liguster (Ligustrum vulgare) eignen sich beispielsweise für Hecken und lassen sich im Block schneiden. Im Sommerhalbjahr gewähren sie einen guten Sichtschutz, während sie im Winterhalbjahr mehr Licht in den Garten hereinlassen. Soll die Hecke ganzjährig blickdicht sein, bietet sich die Eibe (Taxus baccata) an. Wenn statt einer Hecke hingegen eine lauschige Laube den Garten zieren soll, so fällt die Wahl auf Weidenstecklinge schmalblättriger Weidenarten wie beispielsweise Silberweide (Salix alba).

Steht primär ein ästhetisches Farbenspiel im Vordergrund, bieten sich zahlreiche Möglichkeiten. Viele einheimische Wildgehölze blühen äusserst attraktiv, und einige Arten bilden auffällige bunte Beeren aus. Mit einer geschickten Auswahl kann man fast das ganze Jahr über für Farbtupfer im Garten sorgen. Beispielsweise öffnet die Kornelkirsche ihre gelben Blüten bereits im Februar, während der weiss blühende Gemeine Schneeball (Viburnum opulus) unser Auge im Mai erfreut. Im Herbst ziehen dann die auffälligen, pink-orangen Beeren des Europäischen Pfaffenhütchens (Euonymus europaeus) unsere Blicke (und die der Vögel – 15 verschiedene Arten ernähren sich von diesen Beeren) auf sich. Für uns Menschen sind die Beeren des Pfaffenhütchens allerdings ungeniessbar! Sollen die Früchte der Sträucher für den eigenen Verzehr genutzt werden, so setzt man auf Hundsrose («Hagebutte»), Hasel (Corylus avellana), Schwarzen Holunder, Schwarzdorn oder Kornelkirsche (die gekochten Früchte können zu Brotaufstrich verarbeitet werden).

Das Pfaffenhütchen bildet auffällige pink-orange Beeren aus. Fünfzehn verschiedene Vogelarten, unter ihnen Amsel, Gimpel und Rotkehlchen, nutzen diese Früchte. BILD WOLFBLUR AUF PIXABAY

Augen auf beim Sträucherkauf

Wer einheimische Sträucher beziehen möchte, wendet sich am besten an eine Gärtnerei oder Baumschule, die mit Wildgehölzen Erfahrung hat. Bei der Bestellung ist es zudem empfehlenswert, den lateinischen Namen zu verwenden, damit man auch bestimmt die einheimische Wildart erhält. Oftmals werden nämlich auch die Zuchtformen unter demselben deutschen Namen angeboten. Diese sind oft so verändert, dass sie für Insekten und Vögel unattraktiv sind, beispielsweise weil die Blüten keinen Nektar mehr produzieren. 

Analog zu vielen Zierpflanzen haben auch Wildsträucher bestimmte Ansprüche an Boden- und Lichtverhältnisse. Vor dem Kauf sollte man sich daher informieren, welche Sträucher sich für welchen Standort eignen. Wenn Platz für mehr als einen Einzelstrauch besteht, empfiehlt es sich, mehr als eine Gehölzart zu erwerben. So können viele verschiedene Vogel- und Insektenarten gefördert werden. An den Beeren des Faulbaums (Frangula alnus) bedient sich beispielsweise der Hausrotschwanz, nicht aber die Blaumeise. Dafür sind die Blätter des Faulbaums eine wichtige Nahrungspflanze für den Zitronenfalter – und die Raupen dann wiederum eine Nahrungsquelle für die Blaumeise.

Die idealste Zeit für Pflanzungen ist die Vegetationsruhe (November bis April). Sträucher, die im Spätherbst gepflanzt werden, haben mehr Zeit, um sich zu akklimatisieren und Wurzeln zu bilden, bevor der Boden austrocknet. Sie müssen daher während Trockenperioden im Spätfrühling deutlich weniger getränkt werden. In strengen Wintern ist allerdings das Risiko grösser, dass im Spätherbst gepflanzte Sträucher Schaden nehmen, weil sie ihre Wurzeln noch nicht genügend ausbilden konnten. 

Der Schwarzdorn blüht bereits sehr früh im Jahr. Er ist damit eine der ersten Nektarquellen für bestäubende Insekten – und ein willkommener Farbtupfer im Garten. BILD MARTINA SCHYBLI

Tipps für die Pflege

In den ersten beiden Jahren nach der Pflanzung ist normalerweise kein Schnitt nötig. Ab dem dritten oder vierten Jahr werden die Sträucher je nach den Platzverhältnissen in einem zwei- bis dreijährigen Turnus zurückgeschnitten. Der optimale Zeitpunkt für den Rückschnitt von Gehölzen ist zwischen November und März. So werden einerseits Störungen zur Brutzeit vermieden, andererseits ist das Astgerüst der Gehölze gut sichtbar, wodurch beim Schnitt die natürliche Wuchsform besser berücksichtigt werden kann. Tragen die Sträucher allerdings Beeren, empfiehlt es sich, mit dem Rückschnitt bis zum Februar zu warten. So bleibt für Amsel, Star & Co. während des Winters Nahrung vorrätig. Anders sieht es aus, wenn sich Beerensträucher während des Sommers so stark entwickelt haben, dass sie die Sicht bei Wegen oder Strassen einschränken – hier ist aus Sicherheitsgründen ein zumindest teilweiser Schnitt bereits im Herbst angebracht.

Die abgeschnittenen Äste können gleich weiterverwendet werden, indem man sie in einem halbschattigen Bereich des Gartens zu einem Haufen aufschichtet. Rotkehlchen und Zaunkönig, aber auch Igel, Amphibien und Reptilien schätzen solche Asthaufen, in denen sie sich verstecken können.

Mit einer geschickten Auswahl an einheimischen Sträuchern und einer rücksichtsvollen Pflege bietet man folglich diversen Vogelarten, aber auch vielen weiteren Tieren Nahrung, Fortpflanzungsstätten und Unterschlupf. Dadurch gibt es für uns Menschen das ganze Jahr über etwas zu entdecken. Na, liegt der Feldstecher schon bereit?

TIPPS UND TRICKS

Ideen für Bepflanzungen gesucht? Mit dem Online-Tool von Floretia können Sie ganz einfach standortgerechte Pflanzen, darunter auch Wildsträucher, abrufen und zusammenstellen – inklusive Pflanz- und Pflegeanleitung sowie Bezugsadressen: www.floretia.ch 

Möchten Sie wissen, welche Beerensträucher bei Vögeln am beliebtesten sind, oder wie man Sträucher korrekt zurückschneidet? Hier geben die Merkblätter der Schweizerischen Vogelwarte Auskunft: www.vogelwarte.ch/vogelfreundlicher-garten 

Die Mönchsgrasmücke ist eigentlich ein Insektenfresser. Im Herbst bedient sie sich jedoch auch gerne an Beeren, um so Reserven für den anstrengenden Zug ins Winterquartier anzulegen. BILD MARKUS VARESVUO