• Warum nicht mit der Sense?

Warum nicht mit der Sense?

08.12.2020 JUDITH SUPPER, Journalistin

Garten – Grünflächen mit der Sense zu mähen ist salonfähig geworden – und das Interesse daran ist im Corona-Jahr 2020 explodiert. Wir erklären, warum die Grasmahd mit der Sense die Biodiversität fördert, und zeigen, wie man es richtig macht.

Wen erfreuen sie nicht, die bunt blühenden Verkehrskreisel, auf denen Wiesensalbei, Skabiosen und Habichtskraut wachsen. Unzählige solche Kreisel entstanden in den letzten Jahren im öffentlichen Grün. Im Kanton Thurgau lautet die Devise deshalb «Blumenwiese statt englischer Rasen»: Seit 2020 bilden Dörfer und Städte einen Schwerpunkt in der kantonalen Biodiversitätsförderung. Positiver Nebeneffekt: Im Unterhalt sind Ruderalflächen sehr viel günstiger, als wenn Rosen oder Buchsbäume im Verkehrskreisel wüchsen. 

Keine romantisierende Verklärung

Auch im Privatgarten ist die Blumenwiese dabei, das monotone Rasengrün vom Thron der «To-Have»- Liste zu stossen. Immer mehr Schweizerinnen und Schweizer sind für Themen wie Artensterben und Biodiversitätsschwund sensibilisiert. Gleichzeitig drängt die digitale Welt die Menschen dorthin, wo Erde an den Fingern zu spüren ist: in den Garten, wo das reale Leben stattfindet. 

Damit einher geht der Wunsch, diesen Garten nachhaltig zu pflegen. Und wer es ernst meint mit dem naturfördernden Gartenunterhalt, greift zur Sense. Hatte man vor 20 Jahren jeden, der zum Morgengrauen in Gummistiefeln im Garten stand und seine Wiese mit der Sense mähte, als «grünen Spinner » bezeichnet, ist die Grashmad heute im Privatgarten wieder salonfähig. Im öffentlichen Grün wird sie schon längst praktiziert. Die Gartenequipe von Grün Stadt Zürich beispielsweise pflegt die öffentlichen Grünflächen schon seit einigen Jahren mit der Sense. Weniger Lärm in den dicht besiedelten Quartieren, keine Steine oder Tierkot, die den Gärtnern um die Ohren fliegen – das sind nur zwei der vielen Argumente, mit denen die Sense gegenüber dem Trimmer punktet. Und dass der Sensenarbeit weder Blindschleiche noch Eidechse – oder andere Tiere – zum Opfer fallen, ist ein weiterer Pluspunkt.

 

Gerade für abschüssige, schwer zugängliche Flächen ist die Sense ideal. BILDER CAROLINE ZOLLINGER

Ein Werkzeug für Generationen

In der Schweiz gibt es nur noch wenige Sensenbauern. Einer von ihnen ist Jürg von Känel aus dem thurgauischen Mammern. Der gelernte Forstwart und Landschaftsgärtner hat vor einigen Jahren seine eigene Sensenwerkstatt aufgebaut. «Mit der Sense zu arbeiten ist ein gesundes Handwerk», sagt er. «Man sieht und hört, was in der Wiese lebt. Man lebt mit der Natur.» Noch immer würden viele Menschen denken, die Mahd mit dem Trimmer im höheren Gras sei effizienter als die Sense – gerade was die Geschwindigkeit betrifft. Das stimme nicht. «Mit meiner Sense kann ich es durchaus mit einem Team von zwei bis drei Leuten aufnehmen, die mit dem Trimmer arbeiten.» Wichtiger sei jedoch, dass der schonende Schnitt die Gesundheit der Wiese fördere. Nachdem sich der Wiesenschnitt versamt hat, wird er geheut und abgeführt. Ohne dass dabei ein Nahrungseintrag in den Boden erfolgt – welcher das Wachstum starker Unkräuter fördern würde.

Selbst bei den Kosten liegen die Vorteile auf Sensen-Seite. «Ein Profi-Trimmer kostet in der Anschaffung um die 1000 Franken. Dazu kommen Kraftstoff, Wartung und der Ersatz des Fadenkopfs und Fadens.» Die Gesamtausrüstung für eine Sense hingegen liegt inklusive Dengel und Wetzstein bei etwa 600 Franken. Und das Werkzeug hält – zumindest dasjenige, das der 46-Jährige in seiner eigenen Werkstatt aus Thurgauer Eschenholz und Metall aus Österreich herstellt – eine, vielleicht sogar zwei Generationen. Jede von Känels Sensen ist massangefertigt. Abhängig von Gelände, Mähfläche und Mähgut ermittelt er Blattlänge, Breite und Beschaffenheit der Sense – alles auf den Kunden zugeschnitten.

 

Den Wetzstein hat Sensenbauer Jürg von Känel immer dabei – in einem Kuhhorn untergebracht und am Gurt befestigt. 

Der Corona-Effekt

In den letzten Jahren ist die Nachfrage nach von Känels Sensenkursen kontinuierlich gestiegen. 2020 ist sie explodiert – bedingt durch den Corona-Effekt. Man blieb im Garten, gestaltete ihn um, wendete Zeit für seine Pflege auf. Und begann, Wiesen mit der Sense zu schneiden. Von Ende April bis Ende September ist der Thurgauer quasi ausgebucht. Nicht nur von Privatpersonen. Mehr und mehr Landschaftsgärtner oder Gemeindemitarbeiter besuchen seine Kurse.

  

Sensenvielfalt: Je nach Gelände, Mähfläche und Mähgut setzt man eine andere Sense ein. 

Ein Halm bleibt immer stehen

Welchen Rat gibt der Sensenmeister denjenigen, denen es in den Fingern juckt, dieses alte Handwerk zu erlernen? Denn letztlich kann jede Wiesenfläche so gemäht werden, vorausgesetzt, das Gras ist hoch genug. «Erst einmal sollte man die Fläche markieren, die niedrig gehalten werden soll», lautet von Känels Empfehlung. «Dazu gehören Rasenmäherwege oder die Areale um den Sitzplatz herum. Hier soll das Gras ja eher kurz sein. Dann definiert man die Flächen, auf denen das Gras höher wachsen darf. Hier wird nur zwei- bis dreimal jährlich geschnitten. Ab 20 Quadratmetern Naturwiesenfläche lohnt es sich, eine Sense zu kaufen und sich das nötige Knowhow anzueignen.» Absolutes No-Go sei eine billige Sense aus dem Baumarkt. «Nur mit einem an den Körper angepassten Werkzeug macht die Arbeit wirklich Spass.»

Und für wen kommt das tierschonende Handwerk gar nicht infrage? «Für alle, die grossen Wert auf einen Garten legen, in dem nichts aus der Reihe tanzt.» Denn mit der Sense bleibt immer irgendwo ein Halm stehen. «Für die Natur ist das kein Nachteil, im Gegenteil. Aber aus ästhetischer Sicht könnte es stören.»