• Von der Brache zum Bijou

Von der Brache zum Bijou

13.09.2019 MICHAEL STAUB Journalist BR, Kriens

Wer mehr aus seinem Flachdach machen will, musste sich bisher zwischen Photovoltaik und Begrünung entscheiden. Das Energiegründach bietet beide Konzepte aus einer Hand. Damit können Bauherrschaften Stromproduktion und Artenvielfalt vereinen.

Über Jahrzehnte hinweg waren die meisten Schweizer Flachdächer öde Brachflächen. Sie waren häufig als «Schwarzdach» ausgeführt, trugen allenfalls einige Dachaufbauten. Wer heute mehr aus seinem Dach machen will, hat inzwischen verschiedene Optionen, so etwa Dachbegrünung, Photovoltaik-Anlagen oder gar Bienenstöcke. Stromproduktion und Begrünung auf demselben Dach friedlich zu vereinen, war jedoch lange Zeit schwierig. Denn bei unkluger Pflanzenwahl wuchert das Grün rasch in die Höhe und führt zu Verschattungen auf den Solarmodulen. Dies beeinträchtigt wiederum die Leistung der PV-Anlage, weshalb viele Solarfachleute grünen Dächern kritisch gegenüberstehen.

Das ist schade, denn begrünte Dächer bieten zahlreiche Vorteile für Mensch, Natur und sogar für das Gebäude (siehe Infobox). Ebenso hat die neue Eigenverbrauchsregelung den Betrieb von PV-Anlagen wieder attraktiver gemacht. Deshalb propagiert die Schweizerische Fachvereinigung Gebäudebegrünung (SFG) das Energiegründach. Zentral für dieses 2012 vorgestellte und inzwischen verfeinerte Konzept ist die sorgfältige Abstimmung zwischen Natur (Bepflanzung) und Technik (PV). Durch eine geschickte Wahl der Vegetation wird bei einem Energiegründach der solare Ertrag nicht geschmälert, sondern idealerweise sogar leicht erhöht.

Beleben und speichern
Damit dies gelingt, werden für Energiegründächer spezielle Montagesysteme verwendet, deren Trägerkonstruktion durch das Gewicht von Substrat und Vegetation festgehalten wird. Ein Beispiel für ein solches Energiegründach-Montagesystem ist «Contec greenlight». Dieses Aufständerungssystem besteht aus einer Grundplatte aus rezykliertem Kunststoff soner, Geschäftsführer der SFG. Das Energiegründach sei damit «die ideale Synthese zwischen Stromerzeugung mittels PV und Dachbegrünung.»

Die richtige Bepflanzung
Nicht alle Pflanzen eignen sich für den Einsatz auf dem Energiegründach. Fritz Wassmann von der SFG ist ein anerkannter Experte für diese Frage. Die bisherige Best Practice fasst er wie folgt zusammen: «Es braucht Pflanzen mit niedrigem Wuchs, die dichte, möglichst immergrüne Matten bilden. Starke Wucherer, die nach kurzer Zeit dominieren, müssen vermieden werden. Idealerweise soll die Bepflanzung über das ganze Jahr ansprechend aussehen. Erwünscht sind auch eine grosse Artenvielfalt und eine hohe Trockenheitstoleranz. Je nach Standort, also in der Sonne oder am Schatten, soll die Vegetation unterschiedlich sein.» Damit das Energiegründach ökologisch möglichst wertvoll ist, sollte zudem auf ein ganzjähriges Blütenangebot geachtet werden.

Damit die artenreiche Bepflanzung gedeiht, aber keine Probleme bereitet, muss sie bis zum Einwachsen gärtnerisch gut begleitet werden. Unter Umständen benötigt sie auch eine regelmässige und ausreichende Wasserversorgung. «Mit regelmässigen Kontrollen, mindestens zwei Mal pro Jahr, muss man zudem die unerwünschte Vegetation im Griff behalten», erläutert Fritz Wassmann. Besonders gefährlich seien Pioniergehölze wie Weiden, Birken oder Pappeln. Für Bauherrschaften und Planer heisst das: Die gärtnerischen Arbeiten auf dem Energiegründach müssen sorgfältig ausgeschrieben und vergeben werden.

Wer den Zuschlag dem billigsten Offertsteller erteilt, kann sich grosse Probleme einhandeln. «Man kann nicht einfach irgendeinen Gärtner auf das Dach lassen. Es braucht Fachleute, die sich ihre Kompetenz durch Weiterbildung, Engagement und Erfahrung aufgebaut haben», meint Wassmann.

Gute Koordination
Bei der Umsetzung eines Energiegründachs begegnen sich Planer, Solarteur (Installateur der PV-Anlage), Gärtner, Abdichter und Baumeister. Für das Gelingen des Projektes braucht es eine gute Kommunikation und Absprache unter den Beteiligten. So muss etwa die Schnittstelle zwischen Solarteur und Abdichter klar geregelt werden. Urs Meinen führt dazu aus: «Die Unterkonstruktion soll vom Abdichter eingebaut werden, damit die Dachhaut geschützt wird. Die Module montiert der Solarteur, die Dachansaat muss hingegen unbedingt der Gärtner vornehmen. Das falsche Saatgut kann das ganze Konzept über den Haufen werfen.»

Damit ein Energiegründach den avisierten energetischen und ökologischen Nutzen bringt, ist also eine sorgfältige Planung, Koordination und Umsetzung notwendig. Wer den entsprechenden Aufwand betreibt, kann allerdings auf ein Flachdach hoffen, das auf längere Sicht zukunftsfähig ist. Die durchschnittliche Zahl der Hitzetage pro Jahr wird in der Schweiz weiterhin steigen. Deshalb wird ein guter und ökologisch vertretbarer Hitzeschutz, etwa in Form eines Gründachs, für Neu- wie auch Bestandesbauten immer wichtiger. Durch die prophezeite «Elektrifizierung» des Verkehrs und die ungewisse Entwicklung der Stromtarife dürfte selbst produzierter Solarstrom in Zukunft zudem noch attraktiver werden. Die Vorteile eines begrünten Daches langfristig mit der PV-Produktion zu verbinden, erscheint deshalb als sinnvolle Kombination.

Zahlreiche Vorteile

Das Energiegründach kombiniert die Vorteile einer PV-Anlage mit denjenigen eines Gründaches. Hier einige zentrale Punkte:

  • Seit Januar 2018 darf der eigene Solarstrom im Gebäude oder Areal verbraucht werden (Zusammenschluss zum Eigenverbrauch). So kann der Strom vor Ort genutzt werden, anstatt dass man ihn zu eher niedrigen Tarifen in das öffentliche Netz einspeist.
  • Durch den dramatischen Preiszerfall bei Solarmodulen rechnen sich auch relativ kleine Anlagen. Der Strom kann zum Beispiel für den Betrieb einer Wärmepumpe oder für das Laden einer Fahrzeugbatterie verwendet werden.
  • Das Gründach hält einen Teil des Regenwassers zurück und lässt dieses über die Begrünung verdunsten. Dies verringert die Spitzenabflüsse in die Kanalisation und sorgt für ein angenehmeres Klima.
  • Das Gründach vermindert den Wärmeeintrag ins Gebäude, was insbesondere in der heissen Jahreszeit das Innenraumklima verbessert.
  • Gründächer können einen Teil des in der Luft vorhandenen Feinstaubs binden.
  • Bei fachmännisch ausgeführter Dachbegrünung steigt die Lebensdauer der Flachdachabdichtung. So wird die Dachhaut weniger strapaziert, weil Substrat und Vegetation extreme Temperaturausschläge verhindern.
  • Pflanzen und Bestäuber profitieren vom zusätzlichen grünen Lebensraum, der wegen zunehmender Verdichtung immer wichtiger wird.