• (Schweizer) Klassiker – wieder erhältlich

(Schweizer) Klassiker – wieder erhältlich

19.05.2020 NICOLA SCHRÖDER, Conzept-B, Zürich

Sie sind innovativ und hochwertig in Design, Konstruktion und Material. Dennoch geraten manche Möbelklassiker in Vergessenheit – bis sie von engagierten Produzenten wieder aufgelegt werden. Diese Re-Editionen haben sich ihren Platz in unseren Häusern und Wohnungen redlich verdient.

 Möbelklassiker bewahren ihren optischen und haptischen Reiz oft über Jahrzehnte hinweg. Manche erhalten von Zeit zu Zeit durch neue Farben oder Materialien eine sanfte Auffrischung. Andere erfahren nach einer Auszeit eine Neuauflage. Hinter den langlebigen Entwürfen stehen in der Regel gleich mehrere Geschichten: die ihrer Erfinder – Architekten, Künstler, Designer – und die ihrer Besitzer. Nicht selten finden die exklusiven Stücke ihren Weg zu besonderen Anlässen in die heimische Stube. Dann erinnern sie auch noch zeitlebens an persönliche Meilensteine wie den ersten Lohn, die eigene Hochzeit oder den Auszug des ersten Kindes. Vielfach repräsentieren bestimmte Entwürfe den Geist einer ganzen Design-Epoche – dazu gehören sicher die Bauhaus- Klassiker, die eine neue Ära des Wohnens einleiten sollten.

Aus der Schweiz gibt es ebenfalls eine Reihe von Möbeln, die auch international zu den Klassikern zählen. Viele von ihnen sind unterdessen in den Design-Sammlungen einschlägiger Museen zu finden. Sämtliche der folgenden Beispiele überzeugten bereits im Entwurf mit visionären und heute zeitgemässen Eigenschaften.

Schweizer Design-Geschichte

Bei Embru im Zürcher Rüti begann in den 30er-Jahren die langjährige Zusammenarbeit mit Avantgarde-Architekten wie Werner Max Moser, Alfred Roth und Marcel Breuer. Dabei entstanden Möbelklassiker, die aus der Schweizer Design-Geschichte nicht mehr wegzudenken sind. Seit 2002 stellt Embru diese Klassiker wieder in kleiner Auflage nach originalen Entwurfszeichnungen in seinen Werkstätten her. Zu den bekanntesten Möbeln zählt die Altorfer Liege, auch bekannt als «Spaghetti-Liege». Entworfen hat sie Huldreich Altorfer, der Sohn des damaligen Direktors der Firma Embru, im Jahr 1948. Seinen Erfolg verdankt der Liegestuhl mit den charakteristischen Kunststoffschnüren dem angenehmen Liegegefühl, seiner zeitlosen Form und seiner robusten Ausführung. Als Ergänzung zur Liege gibt es weitere Stuhlmodelle, die ebenfalls aus feuerverzinktem Rundstahlrohr mit den farbigen Schnüren bestehen. In diesem Jahr erscheint die Spaghetti-Liege in drei neuen, zeitgemässen Farben. 

Ebenfalls zu den Klassikern ist das Roth-Bett von Embru zu zählen. Alfred Roth, der Schweizer Architekt, Designer und Hochschullehrer, hatte es 1927 für die Corbusier-Häuser in der Stuttgarter Weissenhofsiedlung konzipiert. Der wichtige Vertreter des Neuen Bauens entwarf mehrere Möbel für Embru, von denen das Roth- Bett wohl das erfolgreichste war. Es besteht aus einer einfach zerlegbaren Stahlrohrkonstruktion mit Federkernmatratze sowie charakteristischen Seiten- und Nackenrollen. Mit seinem reduzierten Design leistet das Roth Bett sowohl als Schlafplatz für die Nacht wie auch als Tagesliege oder Sofa bequem seinen Dienst.

Das «Roth Bett» wurde bereits 1927 für die Corbusier-Häuser an der Stuttgarter Weissenhofsiedlung konzipiert und ist seit 2002 bei Embru wieder in Produktion (www.embru.ch).

Auch die Firma Wogg präsentiert eine beständig gewachsene Sammlung an zeitlosen Ikonen – nicht ganz so alt wie bei Embru –, die dessen ungeachtet durch formale Schlichtheit und technische Raffinesse auffallen. Neu in der Kollektion ist die Liege «Wogg 72» von Christophe Marchand, die er 2002 entworfen hat und die Wogg nun wieder herausgibt. Zusätzlich zur bisherigen klassischen Ausführung mit verchromtem Untergestell und Lederbezug ist die Liege jetzt auch mit einem schwarzen Untergestell und Stoffbezug erhältlich. Die sehr geradlinig gestaltete Liege hat einen raffinierten und unsichtbaren Mechanismus eingebaut. Damit ist die Liegefläche stufenlos verstellbar und verharrt in jeder gewünschten Position.

 

Links: Die im Volksmund genannte Spaghetti-Liege wurde bereits 1948 erstmals hergestellt, dann Jahre später wieder vom Markt genommen. Seit 2002 wird sie wieder bei Embru hergestellt (www.embru.ch). Rechts: Die Liege «Wogg 72» wird seit Anfang Jahr wieder hergestellt (www.wogg.ch). BILDER ZVG

Mobil und flexibel

Eine der wenigen Tisch-Ikonen der Schweiz ist der «ess.tee.tisch» – besser bekannt als Verstelltisch oder Aufzugtisch – von Jürg Bally, der heute von Horgenglarus herausgegeben wird. Der Architekt entwarf den höhenverstellbaren Tisch 1950, kurz bevor er für Knoll International in New York arbeitete. Der Tisch war ein Geburtstagsgeschenk für seine zukünftige Ehefrau Ica, der in ihrem gemieteten Zimmer damals ein Tisch fehlte. Jürg Bally schuf mit dem Verstelltisch eine Antwort auf die veränderten Wohnverhältnisse und die steigende Mobilität – ein Thema, das heute noch aktueller ist. Der Tisch ging 1951/54 bei der «Werkgenossenschaft Wohnhilfe» in Serie. Ab 1968 übernahm Bally selbst Produktion und Vertrieb. Die Re-Edition von Horgenglarus wurde mit der Ausstellung «horgenglarus: ess.tee.tisch von jürg bally» in der Galerie des Deutschen Werkbunds Berlin im Mai 2014 präsentiert. Die Konstruktion des Design- Klassikers ist so simpel wie genial: Die Tischplatte liegt auf drei gekreuzten Beinen, die durch ein bewegliches Zapfenscharnier verbunden sind. Die selbsthemmende Aufzugsmechanik wurde für die Re-Edition weiter perfektioniert. Mit einem Hebel unter der Tischplatte wird mit Federkraft ein Stahlband in einer Trommel auf- oder abgerollt. 

Ein Schweizer Klassiker unter den Leuchten stammt aus der Feder von Hans Eichenberger. Der Designer und Innenarchitekt kehrte nach einem Praktikum bei Marcel Gascoin in Paris Anfang der 50er-Jahre nach Bern zurück, wo 1954 der Entwurf für die Stehleuchte HE entstand. Damit ist die Stehleuchte einer der ganz frühen Entwürfe von Eichenberger, der später zahlreiche ikonische Möbel schuf. Die Lampe mit einem Gestell aus verchromtem Vierkantstahlrohr besitzt einen zylinderförmigen Schirm und ist höhenverstellbar. Sie stellt damit ein zeitloses Vorbild für moderne Stehleuchten dar. Vor Kurzem wurde die Lampe von Florian Arber im Rahmen der Arber-Kollektion neu lanciert. 

Robuster Allroundstuhl

Ein gern gesehener Klassiker ist auch der Aluminiumstuhl «Coray» aus dem Jahr 1953 von Hans Coray. Denn er ist ein vielseitiger, stapelbarer und leichter Allrounder. Der Stuhl mit dem charakteristischen Lochmuster wurde von Seledue wieder aufgelegt. Im Unterschied zu seinem «grossen Bruder», dem ebenfalls von Hans Coray entworfenen, ikonischen Landi-Stuhl, ist der Coray-Stuhl kein Sessel, sondern ein Stuhl, der sich mit einer Sitzhöhe von 44 cm für jeden Tisch mit Standardhöhe eignet. Die Version für den Aussenbereich, mit rostfreiem Inox-Gestell und Aluminiumblech, ist absolut wetterfest und in verschiedenen Farben erhältlich. Für den Innenbereich gibt es den Stuhl in einer Ausführung mit Sperrholzauflage. 

1927, 1948, 1951 oder 1953: Die hier vorgestellten Schweizer Klassiker sind vor vielen Jahrzehnten entstanden, international bekannt und Zeugen ihrer Zeit. Bis heute haben sie nichts von ihrer Ausdrucks- und Anziehungskraft verloren. Im Gegenteil: Noch nie waren sie attraktiver und beliebter als heute.

Die «HE Leuchte»: 1954 von Hans Eichenberger entworfen, wird sie seit wenigen Jahren wieder hergestellt und vertrieben (www.arber.li).

Seit 2014 wieder erhältlich ist der höhenverstellbare «ess.tee.tisch», der von Jörg Bally bereits 1951 entworfen wurde (www.horgenglarus.ch).