• Prägend für das Ambiente alter Häuser

Prägend für das Ambiente alter Häuser

15.03.2019 PHILIPP HOSTETTLER, Vizepräsident igaltbau

Originale Holzböden – Sie sind uneben, haben Fugen und Astlöcher, sind manchmal rau und können knarren: Originale Holzböden sind keinesfalls perfekt. Gerade deswegen wirken sie lebendig und sorgen für ein stimmungs- und kraftvolles Raumambiente.

Der Bodenbelag ist das gestalterisch und atmosphärisch tragende Element von Räumen. Ungefähr zwei Drittel der Raumwirkung werden durch den Boden und etwa ein Drittel durch Wände und Decke bestimmt. Deshalb ist es entscheidend, wie Bodenbeläge materialisiert und gestaltet sind.

Ursprüngliche Bauteile erzählen Geschichten. Ebenso sind sie Ausdruck der jeweiligen Kultur- und Architekturepoche. Alte Holzböden erfüllen neuzeitliche Kriterien wie Masshaltigkeit, Ebenmässigkeit und Fugenlosigkeit nur teilweise oder gar nicht. Auch Pflegefreundlichkeit und Unempfindlichkeit sind nur bedingt gegeben. Dennoch wäre es ein grosser Verlust, wenn solche Holzböden aus alten Häusern entfernt würden.

Bei Altliegenschaften lohnt es sich, sorgfältig zu prüfen, ob originale oder zumindest alte Holzböden vorhanden sind. Oft wird man erst in unteren Schichten fündig, weil bei Modernisierungsetappen in den 1960er- bis 1980er-Jahren neuere Bodenbeläge darüber verlegt wurden. Man lasse sich aber von Bodenleger- Massnahmen vergangener Jahrzehnte nicht irritieren! Wenn z. B. ein Hartfaser-Unterboden als Unterlage für einen Teppich verlegt wurde, heisst das keinesfalls, dass sich darunter nicht ein noch intaktes Fischgrat- oder Tafelparkett aus der Jahrhundertwende befinden kann. Wird dieser sorgsam freigelegt, macht er noch viele Jahre Freude. Über Nagellöcher und einzelne Reparaturstellen sollte man grosszügig hinwegsehen.

Fischgrat- und Tafelparkett, Dielen- und Holzriemenböden

Je nach Zeitepoche, Zweck der Liegenschaft, örtlicher Lage und finanziellem Hintergrund der Erbauer wurden früher verschiedene Holzbodenarten ausgeführt. Am meisten Verbreitung fand der Langriemenboden, der auf eine Balkenlage genagelt wurde. Je älter die Liegenschaft, desto breiter und dicker sind die Bretter. Bei 300-jährigen Häusern kann ein Riemen ohne Weiteres 30 cm breit und ca. 65–80 mm dick sein. In um die Jahrhundertwende (1900) erstellten Häusern wurden bei engeren Balkenabständen meist nur noch maschinenverarbeitete Brettbreiten von ca. 11 cm Breite bei einer Dicke von ungefähr 20 mm verbaut.

In Bauten, die vor 1700 errichtet wurden, sind die Räume häufig mit Langriemen ausgestattet. Ab dem 17. Jahrhundert setzte man in den Stuben – den «Vorzeigezimmern» des Hauses – je nach wirtschaftlichen Möglichkeiten der Erbauer teils aufwendig verarbeitete, grossformatig verlegte Tafelparkette ein. Diese wurden bisweilen durch mehrere Friesen und verschiedene Holzarten ausdifferenziert.

Durch den ab ca. 1820 eingeführten maschinellen Zuschnitt der Hölzer wurden die Formate der Tafelparkettböden kleiner und die Verlegeart diagonal. Im Historismus der Jahrhundertwende um 1900 wurden oft Stube und Salon auf diese Weise belegt, was ein Zeichen für Wohlstand war. Die Böden waren aus wintergeschlagenem und luftgetrocknetem Mondholz so hochwertig ausgeführt, dass deren Lebensdauer bei durchschnittlicher Beanspruchung über 200 Jahre betrug.

Wo früher für die Bohlen und Langriemen Weisstanne und Lärche eingesetzt wurden, fiel die Wahl ab ca. 1700 in kostbaren Stuben immer mehr Hart- und Edelhölzer wie Eiche, Ahorn, Nussbaum, Kirsche. Während des Baubooms um 1900 wurde in städtischen Gebieten oft die ganze Wohnung in Buche, seltener in Eiche, materialisiert.

Um eine bessere Ausnutzung des Schnittholzes aus dem Stamm zu erzielen, begann man bereits in der Gründerzeit um 1870, kürzere Brettlängen einzusetzen – meist mit Massen von ca. 60 x 10 x 2 cm – und sie im sogenannten Fischgratmuster auf einem rohen Unterboden aus Tannenbrettern zu verlegen. Dieses Verlegemuster wurde bis in die 1920er-Jahre und in Einzelfällen auch noch später eingesetzt. Auch heute noch erfreut sich dieses Muster bei Altbauliebhabern grosser Beliebtheit.

Böden substanzgerecht ersetzen

In manchen Fällen können alte Böden nicht mehr gerettet werden, z. B. bei Feuchtigkeitseinfluss im Erdgeschoss, wenn die Holzböden direkt über Erdreich liegen, bei intensivem Schädlingsbefall, massiver Beanspruchung oder aber, wenn die Modernisierungsbestrebungen der 1960er- bis 1980er-Jahre zu grosse Schäden am Originalboden angerichtet haben. Dann lohnt es sich, auf dem Altholzmarkt aus Abbruchobjekten altes Parkett oder alte Riemen zu beschaffen. So wird ein substanzgerechter Ersatz der Holzböden gewährleistet. Bei Häusern, die älter als 150 Jahre sind, dürfen diese Ersatz-Bodenbretter durchaus Wurmlöcher von früherem Befall aufweisen. Das steigert die Authentizität.

Passende Holzart für den Raum

In einfachen Häusern und ländlichen Gebieten wurden früher vorwiegend Weiss- und Rottanne für Bodenbretter eingesetzt. Diese Weichhölzer sind ideale Böden für Korridore und Zimmer, auch wenn sie nicht so beanspruchbar sind und schnell Benutzerspuren wie Eindrücke und «Hicke» aufweisen. Im astigen Gesamtbild gehören diese zur Wirkung alter Böden und haben eine ästhetische Komponente. Werden die Weichholzböden gebürstet, wird ihre Haptik akzentuiert und die Beanspruchbarkeit durch das Ausbürsten der weichen Jahrholzschicht erhöht. Bei historischen Tannenriemen (älter als 200-jährig) mit charakteristisch abgetretener Oberfläche und vorstehenden Astungen sollte keinesfalls geschliffen, sondern die Oberfläche nur gründlich gewaschen werden.

In feuchtigkeitssensiblen Räumen wie Bädern, Küchen, Untergeschossräumen etc. wird von Vorteil Eiche, Kirsche oder Ahorn eingesetzt. Für Fischgrat- oder Tafelparkette fällt die Wahl meist auf Eiche, da sie im historischen Kontext am meisten eingesetzt wurde.

Tricks und Kniffs

Alte Holzböden werden noch heute viel zu oft und zu Unrecht herausgerissen und durch andere Bodenkonstruktionen ersetzt. Damit werden unwiederbringliche Werte zerstört. Weder eine angestrebte Bodenheizung noch der fehlende Trittschall bei einer alten Balkendecke soll Grund dafür sein, schöne Holzböden herzugeben. Soll aus energetischen Gründen in einem Altbau auf ein niedertemperaturiges Heizverteilsystem ausgewichen werden, kann statt einer bodenzerstörenden Bodenheizung eine wohnphysiologisch optimale und recht preiswerte Fussleistenheizung montiert werden.

Möchte man den Tritt- und Luftschall einer alten Holzbalkendecke verbessern, kann das Fischgrat- oder Tafelparkett von einem versierten Parkettleger sorgfältig ausgebaut werden. Danach lässt sich eine Trockenbauplatte mit Trittschalllage montieren, bevor das Altparkett – entweder geschraubt oder noch besser mit Hybridkleber vollflächig verklebt – wieder verlegt werden kann. Diese Lösung wird aufgrund beträchtlicher Kosten vorzugsweise im Wohneigentum oder in Geschäftsräumen eingesetzt. Sie ist der Königsweg, um die ausserordentliche Schönheit alter Parkettböden mit neuzeitlichen Wohn- und Komfortbedürfnissen zu verbinden.

Schleifen, ölen und seifen

Schleifarbeiten an alten Holzböden sollten nur von ausgewiesenen Spezialisten ausgeführt werden – Parkettleger oder Schreiner, die sich auf die Auffrischung von Altholzböden spezialisiert haben. Mit der Bandschleifmaschine muss feinfühlig gearbeitet werden, um zu hohen Substanzabtrag zu verhindern. Weist ein Altboden durch jahrhundertelangen Gebrauch viele Unebenheiten auf, muss mit weichem Pad sorgfältig unter dem Schleifnetz geschliffen werden. Quetschungen im Holz sind unbedingt zu vermeiden, weil sie beim Ölen dunkel werden und stark zeichnen.

Historische Böden sollten entweder geseift oder geölt, aber nicht versiegelt werden. Dadurch kommt die Wirkung des alten Holzes besonders zum Tragen. Eine geölte Oberfläche lädt zudem nicht elektrostatisch auf und gibt dem Holz für den Feuchtigkeitsausgleich im Raum eine offenporige Oberfläche. Bei Schadstellen (Pflanzentopf, Brandfleck etc.) kann punktuell nachgearbeitet werden, während bei versiegelten Oberflächen wieder der ganze Raum substanzschädigend abgeschliffen und neu versiegelt werden muss. Der Holzboden erhält durch die geölte oder geseifte Oberfläche einen ästhetischen Seidenglanz und eine natürliche Schönheit.


«igaltbau»

Die igaltbau ist eine Werkgruppe von Handwerkern und Planern mit grosser Erfahrung bei der Renovierung und ganzheitlichen Sanierung von Altbauten. Die in St. Gallen, Appenzell, Thurgau, Glarus, Zürich, Winterthur, Aargau, Nordwest- und der Zentralschweiz ansässigen Werkgruppen bedienen die gesamte Palette von Bauleistungen. Weitere Infos: www.igaltbau.ch