• Natürliche Vielfalt vor der Haustür

Natürliche Vielfalt vor der Haustür

28.02.2019 LIVIO REY, MSc Biologie, Mitarbeiter Öffentlichkeitsarbeit, Schweizerische Vogelwarte, Sempach

Tier- und Pflanzenwelt – Um die Natur zu erleben, muss man nicht unbedingt weit reisen. Eine erstaunliche Vielfalt an Tier und Pflanzenarten kann buchstäblich vor der Haustür beobachtet werden, wenn man die Umgebung naturnah gestaltet.

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, wie man die Natur im Siedlungsraum fördern kann. Das beste Rezept für eine grosse Artenvielfalt heisst «Lebensräume schaffen ». Das bedeutet: Förderung einheimischer Pflanzen, Schaffen von Strukturen, Verzicht auf Pestizide sowie eine fachgerechte und naturschonende Pflege der Gärten und Grünflächen.

Schweizer Pflanzen sind Trumpf!

Einheimische Bäume und Sträucher sind eine Grundvoraussetzung für artenreiche Gärten. Die ortsansässige Süsskirsche beispielsweise bietet über 45 verschiedenen Vogelarten Nahrung, der gebietsfremde Kirschlorbeer hingegen nur dreien! Bei Vögeln besonders beliebt sind auch die Früchte von Vogelbeerbaum, Traubenkirsche, Schwarzem und Rotem Holunder, Gemeinem Pfaffenhütchen, Liguster und Kornelkirsche. Die Beeren dieser Gewächse dienen den Vögeln insbesondere dann als Energielieferanten, wenn sie sich im Herbst für die Reise in den Süden Fett anfressen müssen.

Aber nicht nur im Herbst, auch während der Brutzeit sind Schweizer Pflanzen Trumpf: Einerseits können Vögel, die nicht in Nistkästen brüten (zum Beispiel Amsel, Rotkehlchen oder Stieglitz), darin ihr Nest bauen. Andererseits leben auf bei uns heimischen Büschen und Sträuchern mehr Insekten als auf gebietsfremden Gewächsen. Davon profitieren die Vögel, denn sie ernähren ihre Jungen hauptsächlich mit Insekten und deren Raupen und brauchen daher im Frühling und Sommer ein reichhaltiges Nahrungsangebot. Vögel und andere Fressfeinde sorgen ihrerseits dafür, dass die Insekten nicht Überhand nehmen.

Gebietsfremde Gewächse hingegen werden auch von gebietsfremden Insekten bewohnt. Diese werden teilweise von Räubern gemieden, können sich deshalb massenhaft vermehren und Schäden anrichten, beispielsweise der Buchsbaumzünsler. Beim Auftreten unerwünschter Insekten oder Pflanzen liegt der Griff zum Pestizid nahe. In einem naturnahen Garten sollte jedoch so weit wie möglich auf Gifte verzichtet werden. Einerseits schaden diese auch den Insekten und Pflanzen, die man fördern möchte, andererseits können die Gifte in Gewässer gelangen und dort grossen Schaden anrichten.

Weitere Lebensräume im naturnahen Garten

Neben einheimischen Büschen und Sträuchern kann mit Wiesen oder Blumenbeeten, Gebüschen, Hecken, Tümpeln und Teichen, Ast-, Sand-, Kies- und Steinhaufen, Trockenmauern oder Komposthaufen eine Vielfalt an weiteren Lebensräumen angelegt werden. In Trockenmauern fühlen sich Eidechsen und Wildbienen wohl, während Asthaufen für viele Insekten und Pilze ein Paradies sind und vielen Kleintieren einen sicheren Überwinterungsplatz bieten. Lebensräume mit vielen Verstecken sind für Kleintiere wie Amphibien und Reptilien sehr wichtig. Ohne Verstecke fallen sie schnell Beutegreifern (vor allem auch Katzen) zum Opfer.

Naturnah gestaltete Wiesen sind ein wichtiger Hort für Insekten. Wenn immer möglich sollte nicht die ganze Fläche auf einmal gemäht werden und auch nicht öfter als zwei bis drei Mal pro Jahr. So finden Insekten immer genug Nahrung, und Pflanzen können absamen. Ausserdem können sich an Grashalmen abgelegte Insekteneier bis zum ausgewachsenen Insekt entwickeln. Blumenlose, häufig gemähte Rasenflächen sind dagegen für die Natur nicht wertvoll.

Auf einem Komposthaufen werden organische Abfälle aus Küche und Garten in insekten- und nährstoffreiche Gartenerde umgewandelt, was zusätzlichen Dünger überflüssig macht. Braucht es noch weitere Gartenerde, sollte auf keinen Fall ein Produkt gekauft werden, das Torf enthält. Auch wenn nicht jeder Garten Platz für alle diese Elemente bietet, können ebenso Nutz- und Ziergärten, Kleingärten und sogar Balkons und Terrassen naturnah gestaltet werden. Das Nebeneinander von Gartenpflanzen und einheimischen Pflanzen ist, naturnaher Gartenbau vorausgesetzt, immer noch ein interessanter Lebensraum für Tiere. In einem Kleingarten können ein schöner Einzelstrauch, beispielsweise eine Kornelkirsche oder ein Schwarzer Holunder, und eine mit Kletterpflanzen begrünte Fassade bereits viel bewirken. Auf Balkons und Terrassen sind Wildpflanzenmischungen im Balkontrog und Pflanzen wie Thymian, Lavendel, Gartensalbei, Dost oder Majoran eine gute Nahrungsquelle für Bienen. Auch hier bie - ten Kletterpflanzen Schatten und Lebensraum.

Nisthilfen für tierische Untermieter

Einigen Tieren können auch Nisthilfen angeboten werden, beispielsweise Insekten, Fledermäusen oder Vögeln. Nistkästen helfen einer Art aber nur dann, wenn sie auch den passenden Lebensraum mit der richtigen Nahrung zur Verfügung haben. Nistkästen können darum eine Ergänzung, nie aber ein Ersatz zur naturnahen Gartengestaltung sein. Der bekannteste Nistkasten ist derjenige für Kleinvögel. Insbesondere Meisen und Sperlinge nehmen diesen Nistkasten gerne an. Ein Nistkasten wird idealerweise in 1,8 bis 3 Metern Höhe mit einer Ausrichtung nach Osten oder Südosten aufgehängt. Der Nistkasten sollte dabei nicht der prallen Sonne ausgesetzt, sondern tagsüber im Schatten sein. Dieser Nistkastentyp kann auch von Hornissen, Hummeln oder Wespen besiedelt werden, oder von Haselmäusen und Siebenschläfern. Auch wenn der Nistkasten nicht für diese Tiere aufgehängt wurde, so haben doch auch sie ein Existenzrecht und sollten deshalb geduldet werden. Andere Vögel brüten nicht in Höhlen, sondern sind sogenannte Halbhöhlenbrüter. Typische Beispiele sind der Hausrotschwanz oder die Bachstelze. Sie können mit einem speziellen Nistkasten für Halbhöhlenbrüter gefördert werden, der in einem ruhigen Hauswinkel montiert wird.

Etwas anspruchsvoller sind Nisthilfen für Schwalben und Segler. Diese Arten sind in erster Linie auf Toleranz angewiesen. Insbesondere die Mehlschwalbe fühlt sich in Siedlungen wohl, stösst aber nicht immer auf Gegenliebe, denn vor allem die Kotverschmutzungen an Fassaden werden von Vermietern und Hauseigentümern nicht gern gesehen. Diese Konflikte können durch Kotbretter unterhalb der Nester oder durch die Platzierung der Nester am Unterdach in einiger Entfernung zur Fassade entschärft werden. Kontaktieren Sie die Vogelwarte Sempach bei Fragen zu Schwalben und Seglern und deren Förderung, dort berät man sie gerne.

Der Aufwand lohnt sich

Naturnahe Gärten sehen oft etwas verwildert aus, was jedoch nicht heisst, dass sie keinen Aufwand verursachen. Pflanzen müssen gewässert, Sträucher und Bäume geschnitten und unerwünschte Gewächse entfernt werden. Das Instandhalten eines sterilen, ökologisch nicht wertvollen Gartens ist jedoch ebenfalls aufwendig. Zudem wird man in einem naturnahen Garten mit reichlich Vogelgezwitscher und einer beeindruckenden Artenvielfalt belohnt. Schon die Bereitstellung weniger naturnaher Elemente hilft, die Gärten miteinander zu vernetzen und ermöglicht es vielen Tieren, auch in unserer direkten Umgebung einen Lebensraum zu finden.

WEITERE INFOS

In zahlreichen Merkblättern liefern die Vogelwarte Sempach und BirdLife Schweiz Tipps und konkrete Anleitungen, wie der eigene Garten naturfreundlicher gestaltet werden kann. Sie sind gratis online unter: www.vogelwarte.ch/de/voegel/ratgeber/ und