• Günstiger als gedacht

Günstiger als gedacht

28.02.2020 MICHAEL STAUB, Journalist BR, Krien

Wer Elektrofahrzeuge im Stockwerkeigentum laden will, benötigt eine anschlussfähige Lösung. In Küsnacht hat dies geklappt: Die moderaten Kosten für den Grundausbau tragen die Eigentümer gemeinsam, die Ladestationen werden individuell bezahlt. So sind alle Parteien für den Umstieg gerüstet.

Die Siedlung «Im Ebnet» in Küsnacht ZH wurde um das Jahr 2000 erbaut. Sie umfasst drei Mehrfamilienhäuser mit Stockwerkeigentum, mehrere Reiheneinfamilienhäuser und einige Solitärbauten. Verbunden werden diese Wohneinheiten durch eine gemeinsame Tiefgarage mit 100 Parkplätzen. Seit letztem Herbst sind nun sämtliche Plätze für die Elektromobilität gerüstet. Ein schmales, an der Wand montiertes Flachbandkabel stellt den Stromanschluss sicher. Wer auf seinem Parkplatz ein Fahrzeug laden will, kann mit wenig Aufwand eine Ladestation montieren lassen. Mehrere Eigentümerinnen und Eigentümer haben davon schon Gebrauch gemacht. Bereits sind fünf Stationen installiert, weitere drei bis vier dürften in der nächsten Zeit folgen. 

Das gewählte System «ZapCharger Pro» stammt vom norwegischen Hersteller Zaptec und wird in der Schweiz von Novavolt vertrieben. Es ermöglicht den Aufbau der Lade- Infrastruktur in drei Schritten. Der erste ist das Flachbandkabel, der zweite eine spezielle Grundplatte für jede Station und der dritte schliesslich die Ladestation. So können sich Bauherrschaften schrittweise an die Elektromobilität herantasten. Wer bereits elektrisch fährt, kann sofort loslegen, wer noch mit Benzin oder Diesel unterwegs ist, hält sich alle Optionen offen. «Wir wollten eine einheitliche und wirtschaftliche Ladestationlösung für sämtliche Parteien », sagt Gian Carle. Er ist Stockwerkeigentümer, beruflich seit Langem in der Energiebranche tätig und Mitglied des fünfköpfigen Ausschusses, der sich um das Projekt kümmerte.

Blick in die Tiefgarage der Siedlung «Im Ebnet»: Die ersten Ladestationen sind bereits installiert.

Automatische Lastverteilung

Ein wichtiger Punkt für die Eigentümergemeinschaft war die Gleichbehandlung aller Parteien. Einzelne Eigentümer hatten in den letzten Jahren Elektroautos angeschafft und diese am Allgemeinstrom- Anschluss geladen. «Wir wollten eine verursachergerechte Abrechnung und eine technische Vereinheitlichung. Wenn man zu lange zuwartet, gibt es einen Wildwuchs von sehr verschiedenen Konzepten und Ladestationen. Zudem sollte ein Ausbau der Hausinstallation vermieden werden», berichtet Gian Carle. Mit der neuen Infrastruktur hat die Eigentümergemeinschaft nun gleich lange Spiesse für alle geschaffen. Die Stromkosten werden individuell abgerechnet, und die Software bietet ein sogenanntes Lastmanagement. Das bedeutet, dass die Elektrofahrzeuge nicht einfach blind geladen werden, sondern bei grossem Strombedarf nur eine reduzierte Ladeleistung erhalten. So kann die bestehende Leitung, die auf 310 Ampère abgesichert ist, beibehalten werden, und die Eigentümer müssen keinen Blackout fürchten.

Das Projekt stand zunächst im Gegenwind. Eine Gruppe von Eigentümern wollte lieber noch einige Jahre zuwarten, statt schon jetzt zu investieren. «Der Ausschuss konnte zeigen, dass wir nicht von Kosten, sondern von einer wertvermehrenden Investition sprechen», berichtet Carle. Bei der Abstimmung resultierte ein überraschend klares Ergebnis mit über 45 Ja-Stimmen, wenigen Enthaltungen und keiner Gegenstimme. Die reine Erschliessung mit dem Flachbandkabel kostete die Eigentümer je 333 Franken. Eine Station inklusive Grundplatte kommt auf 3100 Franken zu stehen. Gerade bei Eigentümern, die in den nächsten Jahren auf ein Elektrofahrzeug umsteigen möchten, derzeit aber nur die Erschliessung mittels Kabel benötigen, kamen die tiefen Kosten gut an. «Man vergibt sich nichts und ist für die Zukunft gerüstet», meint Carle. Auch er möchte sein Familienauto in absehbarer Zeit durch ein Elektrofahrzeug ersetzen.

Wachsende Nachfrage

Während Elektrofahrzeuge in der Schweiz jahrelang auf tiefem Niveau stagnierten, markierte das letzte Jahr eine Trendwende. Insgesamt 13 200 rein batteriebetriebene Elektrofahrzeuge wurden neu zugelassen. Gegenüber 2018 betrug die Zunahme über 140 Prozent. Auch die Hybridfahrzeuge verzeichneten mit gut 26 000 Neuzulassungen einen hohen Wert. Merkbar wird das Wachstum beider Kategorien auch in der Elektroinstallationsbranche. «Vor fünf Jahren erhielten wir pro Woche ungefähr eine Anfrage für die Installation einer Einzel-Ladestation. Heute sind es zwei bis drei Anfragen pro Woche, und zwar für Anlagen mit 10 bis 15 Ladestationen», sagt Daniel Ruf. Er ist Projektleiter Swiss Projects bei der Burkhalter Gruppe. Neben privaten Eigentümergemeinschaften seien insbesondere grosse Immobilienverwaltungen gute Kunden, sagt Ruf.

Früher wurden laut Ruf meistens «dumme» Ladestationen montiert, die ihre Leistung ohne spezielle Regelung abgaben. Heute verlangen die Vorschriften der Elektrizitätswerke, dass bei mehreren Ladestationen ein sogenanntes Lademanagement installiert wird. Dieses gleicht gewissermassen den aktuell verfügbaren Strom mit der Anzahl Fahrzeuge ab. So will man vermeiden, dass allzu stromhungrige Fahrzeugbatterien die Sicherung auslösen und im Haus zu einem Blackout führen. Mit einem solchen Lademanagement kann man die verfügbare elektrische Infrastruktur meist ohne Ausbau nutzen. Daniel Ruf nennt einen weiteren Vorteil: «Neu gibt es bei Zaptec auch eine Funktion, um die Leistung zu regeln und den Hoch- oder Niedertarif anzusteuern. Wenn zum Beispiel von 11 bis 13 Uhr der Hochtarif des Stromversorgers gilt, kann man mit einem vorab definierten Zeitplan den Strombezug der Ladestation während dieser Zeit drosseln oder ganz ausschliessen.»

 

Ein Flachbandkabel (links) bringt Strom zu jedem Stellplatz. Der Einbau einer Ladestation (rechts) ist jederzeit möglich.

Abläufe beachten

Allein letztes Jahr gingen im Kanton Zug rund 180 neue Ladepunkte ans Netz. Jeder davon benötigte eine Bewilligung. Denn wer eine Ladestation mit mehr als 3,6 Kilowatt Ladeleistung installiert, muss dies dem zuständigen Elektrizitätsversorgungsunternehmen (EVU) melden. Dies geschieht mit dem Einreichen einer Installationsanzeige. «Je nach Situation vor Ort bewilligen wir als EVU die beantragte oder eine geringere Ladeleistung, damit der Personen- und Sachschutz gewährleistet ist», sagt Beat Strickler, Leiter Verkauf Elektromobilität bei der WWZ Energie AG. Bei periodischen Installationskontrollen oder bei Stichproben stosse man leider immer wieder auf nicht ordentlich angemeldete Ladestationen. «Die Folge sind Nachbesserungen », sagt Strickler, «so müssen zum Beispiel Einzellösungen rückgebaut und durch intelligente Ladestationen (Wallboxen) ersetzt werden. » Diese Wallboxen sind über ein Lastmanagement miteinander vernetzt, damit der Hausanschluss der Liegenschaft nicht überlastet wird.

Als Stromversorger beschäftigt sich die WWZ schon lange mit der Elektromobilität. Der Zugang zum Thema habe sich in der letzten Zeit verändert, sagt Strickler: «Wenn uns Kunden anfragen, geht es weniger um ein allgemeines Interesse am Thema als vielmehr um die konkrete Umsetzung. Die Frage lautet nicht mehr ‹Was bringt das?›, sondern ‹Wie kann ich meinen Parkplatz elektrifizieren›. Gesamtkonzepte sind hier das A und O.»

Die Infrastruktur zu erstellen, biete einen grossen Vorteil, sagt Miteigentümer Gian Carle und deutet auf die frisch installierten Ladestationen: «Das ewige Huhn-Ei-Problem ist gelöst. Wer elektromobil unterwegs sein will, kann das jetzt.»

Hilfreiche Informationen zur Lade-Infrastruktur finden Sie in den folgenden Dokumenten:

  • Technische Informationen enthält der Flyer «Anschluss finden – Elektromobilität und Infrastruktur» des Branchenverbandes Electrosuisse. Kostenloser Download unter www.electrosuisse.ch 
  • Noch in diesem Jahr soll die neue SIA-Norm 2060 («Infrastruktur für Elektrofahrzeuge in Gebäuden») publiziert werden. Sie wird detaillierte Vorgaben zur Projektierung, Berechnung und dem Betrieb von Ladestationen enthalten.
  • Gute Ansprechpartner für eine erste Sondierung sind auch die örtlichen Elektrizitätsversorger oder der Elektroinstallateur des Vertrauens.