• Ein Oberländer Flarzhaus wird saniert

Ein Oberländer Flarzhaus wird saniert

19.05.2020 SIRUN KURTCUOGLU, arba atelier für architektur & bauhandwerk

Als Rohdiamant wurde der Bohlen-Ständerbau aus dem Jahr 1738 in der Nähe des Bichelsees bezeichnet. Und tatsächlich: Es musste viel geschliffen werden, bis der Diamant zum Vorschein kam. Aber die Arbeit hat sich gelohnt!

In Flarzhäusern wohnten damals vor allem Kleinbauern und Heimarbeiter. Die Häuser bestanden aus eng zusammengebauten Hausteilen. Durchgängige Fensterreihen im Erdgeschoss brachten genug Licht in die Stube, damit arme Bauern sich mit Weben etwas dazuverdienen konnten. 

Das hier vorgestellte Objekt mit seinen drei Geschossen und dem ausgebauten Dachgeschoss ist für ein Flarzhaus eher hoch. Von aussen wirkt der gesamte Komplex sehr grosszügig. Mit seiner Gliederung ist das Haus aber typisch für einen Flarz. Der Grundriss ist ein langgezogenes Rechteck, das in allen drei Geschossen eine dreiteilige Raumeinteilung aufweist. Die kurzen Kanten des rechteckigen Grundrisses bilden die Aussenwände, die mit traditionellen Fenstern bestückt sind.

Die Räume

Durch einen schmalen Gang im Erdgeschoss, der mit dem Nachbarn geteilt wird, betritt man das Herz des Hauses – die Küche. Sie liegt in der Mitte des Erdgeschosses. Richtung Süden grenzt das Esszimmer an, nach Norden das Wohnzimmer. Das 1. Obergeschoss beherbergt in der Mitte ein Badezimmer mit Dusche, im Norden ein Schlafzimmer und im Süden einen Atelierraum. Im 2. Obergeschoss sorgt in der Mitte ein zweites Bad mit Dampfbad für Entspannung. Ein Zimmer Richtung Norden und eines Richtung Süden dienen als weiterer Schlafraum bzw. als Gästezimmer. Im Dachgeschoss finden sich nochmals zwei Zimmer. Insgesamt fasst der schmale Flarz acht Zimmer.

Küche 

Die neue Küche: eine Design-Lösung mit grifflosen, mit Linoleum belegten Fronten und einer Ahorn-Abdeckung.

Ziele und Herausforderungen

Die Bauherrschaft konnte die Liegenschaft, die im Inventar der Denkmalpflege gelistet ist, Anfang 2018 erwerben. Leider war die alte Bausubstanz in den letzten Jahrzehnten mit allerlei Bausünden ergänzt worden. Geheizt wurde mit Elektrospeicheröfen und einzelnen Tragöfen.

Wichtige Anliegen der Bauherrschaft waren eine neue Küche im Erdgeschoss, neue Bäder und eine neue Zentralheizung. Für die Heizung wurde rasch eine sehr nachhaltige und günstige Lösung gefunden: Der Weiler betreibt eine Holzschnitzel- Anlage, in die man sich als Genossenschafter einkaufen und von dort Fernwärme beziehen kann.

Der gesamte Mittelteil des Hauses wurde bis auf die Balkenlage entkernt, um die neue Küche und die Badezimmer einzubauen. In der Küche entschied sich die Bauherrschaft dafür, den Boden abzugraben, um auf komfortable 2,1 Meter Raumhöhe zu gelangen. Schiefer, Weisstanne und Lehm geben bei den neuen Einbauten den Ton an. Weisstanne wurde schon für die Bohlen verwendet und kam wieder für die Einbauten der Badezimmer zum Zuge. Dabei war es gar nicht so einfach, eine Sägerei zu finden, die Weisstanne in der gewünschten Qualität liefern konnte.

 

Blick ins neue Bad. Neue Raumvolumen wurden aus massiver Weisstanne gezimmert.

Im Mittelteil des ersten und zweiten Obergeschosses wurden je zwei Räume für die Badezimmer eingezogen und mit Weisstanne beplankt. Alle Plattenarbeiten wurden in Schiefer ausgeführt und die Wände mit weissem Lehm verputzt. Die Waschtische und Armaturen bilden einen gelungenen Mix zwischen alt und neu. 

Im ersten Obergeschoss entfernte die Bauherrschaft in Eigenleistung die Wand zum südlichen Zimmer, was den beengenden Eindruck beim Erklimmen der Treppe sofort behob. Nun präsentiert sich ein grosser, offener Raum, und das Treppenhaus wird mit Tageslicht versorgt.

Ein besonderes Detail ist das raumhohe Fenster, das auf Wunsch der Bauherrschaft im Badezimmer im ersten Obergeschoss eingebaut wurde. Dank der fehlenden Wand erreicht das Tageslicht nun auch diesen Raum.

 

Naturschiefer, Massivholz und Lehm: Naturmaterialien bestimmen die Atmosphäre.

Historische Details und neue Akzente

Alle Böden wurden von diversen Schichten Spannteppichen und PVC-Bodenbelägen befreit und die Riemenböden darunter geschliffen und geölt.

Lange wurde darüber diskutiert, wie die Küche genau aussehen sollte. Klar war, dass es keine 08 / 15-Einbauküche werden dürfte. Am Anfang stand die selbst gebaute Atelierküche, und zum Schluss gab es eine Design-Lösung mit grifflosen, mit Linoleum belegten Fronten und einer Ahorn-Abdeckung. Durch die Wiederholung der Ahornflächen und der Beleuchtung durch LED-Bänder liegt die Betonung auf der Horizontalen.

 

Das Abbrechen der Zwischenwand hat sich als grosszügige Geste bewahrheitet. Natürliches Licht kann nun den mittigen Raum des Hauses fluten.

Auch für den Wunsch nach flächigen, deckenbündigen Einbauspots konnte schlussendlich eine gute Lösung gefunden werden.

Alle Handläufe wurden mit LED-Lichtbändern ausgerüstet und verleihen dem Treppenaufgang eine frische Atmosphäre.

Das schmale, aber tiefe Haus konnte von diversen Bausünden befreit werden. Mit der neuen Wandheizung und den nachhaltigen Materialien wurde ein gesundes Wohnklima geschaffen. Alte Bohlenwände zeigen sich stolz neben junger Weisstanne, und die neuen Bauelemente fügen sich harmonisch in den Bestand ein.

«igaltbau»

Die igaltbau ist eine Werkgruppe von Handwerkern und Planern mit grosser Erfahrung in der Renovierung und ganzheitlichen Sanierung von Altbauten. Die in St. Gallen, Appenzell, Bern, Thurgau, Glarus, Zürich, Winterthur, Aargau, Nordwest- und der Zentralschweiz ansässigen Werkgruppen bedienen die gesamte Palette an Bauleistungen. Weitere Infos: www.igaltbau.ch