• Ein Garten wie eine Umarmung

Ein Garten wie eine Umarmung

10.11.2020 CARMEN HOCKER, Freie Autorin

Garten-Hygge – «Hyggelig» nennen die Dänen ihre Lebensart, selbst kleine Momente im Alltag zu etwas Besonderem zu machen. Auch ein Garten lässt sich in einen Ort der Wärme und Herzlichkeit verwandeln – mit etwas Planung, sinnlichen Pflanzen, Licht, Wasser und natürlichen Materialien.

Manchmal betritt man ein Haus und fühlt sich auf Anhieb willkommen. Solch ein Gefühl der Behaglichkeit wohnt auch manchen Gärten inne. Meist sind das nicht weitläufige Anlagen, sondern eher kleine. Oder solche, die geschickt in verschiedene Gartenzimmer eingeteilt sind, um nicht alles auf einen Blick preiszugeben. In Dänemark bezeichnet man diese Wohlfühlatmosphäre als «Hygge». Dabei hat sie ihren Ursprung in der norwegischen Sprache, in der sie so viel wie «Wohlbefinden» bedeutet. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts tauchte der Begriff in Dänemark auf, wo er einen festen Platz im Alltagsleben eingenommen hat. Heute gelten die Dänen als ein besonders glückliches Volk – vielleicht, weil sie ganz selbstverständlich das Gute im Leben zusammen mit ihren Lieben geniessen – auch im Garten. Um einen Ort zu schaffen, der das Herz höher schlagen lässt, empfiehlt es sich, schon bei der Planung ein paar Grundsätze zu beachten.

Gerahmt und behütet

Seltsamerweise haben viele Menschen das Gefühl, Hecken oder Zäune würden einengen. Dabei lassen diese unser Auge zur Ruhe kommen und geben uns Schutz. Ein Gartentor wird zum Blickfang, wenn sich ein von duftenden Rosen berankter Bogen darüber spannt. Beim Betreten des Gartens rahmt er das Bild und macht neugierig auf das, was dahinter liegen mag. Überhaupt wirkt ein Garten heimeliger, wenn nicht alles auf einen Blick einsehbar ist, sondern verschiedene Nischen immer wieder neue Perspektiven eröffnen.

Sinnlich und lauschig

Während im Haus die Inneneinrichtung den Stil bestimmt, sind es im Garten die Pflanzen. Wer sich eine hyggelige Atmosphäre wünscht, wählt vor allem in Hausnähe und rund um die Sitzplätze üppige Bepflanzungen mit blühenden Stauden und Rosen. Mit ihrem Duft erfüllen sie die Luft und sprechen alle Sinne an. Für interessante Spiele mit Licht und Schatten sorgen kleinkronige Bäume wie zum Beispiel die weidenblättrige Birne Pyrus salicifolia ’Pendula’, die robust und unkompliziert ist. Mit ihrem graugrünen Laub erinnert sie an einen mediterranen Olivenbaum. Zur Geborgenheit tragen auch Kletterpflanzen bei. Anstelle einer Markise, unter der es im Hochsommer drückend heiss wird, bietet sich eine berankte Pergola an, unter der ein angenehmes Mikroklima herrscht.

  

Links: Unter einer berankten Pergola herrscht, gerade im Hochsommer, ein angenehmes Klima. Rechts: Zur Hygge gehört auch feines, frisches Gebäck.

Belebend und meditativ

Nicht umsonst sind Plätze mit Brunnen beliebte Treffpunkte. Das Plätschern des Wassers erfrischt und beruhigt zugleich – und blendet störende Geräusche aus. Ein Wandbrunnen findet selbst im kleinsten Garten Platz. Eine Aquariumpumpe, die in einem Schacht neben dem Brunnen platziert wird, wälzt das Wasser um. Wer keine Steckdose im Garten hat, kann eine niedrige Schale aus Cortenstahl mit Wasser füllen und Sumpfpflanzen hineinsetzen. Die Spiegelungen des Wassers sind bei jedem Wetter ein kleines Schauspiel, nicht nur, wenn Regentropfen sanfte Wellen schlagen.

 

Wasser im Garten – egal ob plätschernd oder stehend – belebt und beruhigt zugleich.

Hell und dunkel

Am Abend, wenn der Tag langsam in die Nacht übergeht, färbt sich der Himmel für kurze Zeit tiefblau. Um die Stimmung der blauen Stunde besonders zu geniessen, kann man den Garten punktuell erleuchten: mit Lichterketten, Windlichtern, Lampions und Schwimmkerzen. So verwandelt man seinen grünen Rückzugsort in einen fast magischen Ort. Für ein Sommerfest schöpft man aus dem Vollen und verteilt im ganzen Garten Kerzen und Lampions. Im Alltag genügen ein paar Windlichter, um hübsche Akzente zu setzen.

 

Kleine Details wie ein mit Äpfeln gefüllter Flechtkorb, Schwimmkerzen in der Wasserschale oder ein selbst gebastelter Lampion am Baum schaffen ein wohliges «Hygge»-Gefühl.

Haptische Erlebnisse

Ob sich das Leben im Garten behaglich anfühlt, hängt auch von der Art der verwendeten Materialien ab. Feiner Rundkies unter den Füssen knirscht leise bei jedem Schritt. Unbehandeltes Holz fühlt sich angenehm warm, aber nie heiss an. Zudem bekommt es mit der Zeit eine natürliche graue Patina, die mit den verschiedenen Grüntönen der Vegetation harmoniert. Sitzmöbel werden mit Kissen, Decken und Fellen kuscheliger, wobei auch hier natürliche Materialien haptisch angenehmer sind als imprägnierte Stoffe.

Vielleicht ist es die lässige Ungezwungenheit des skandinavischen Lebensstils, die uns so fasziniert. Weil sie mit einfachen Mitteln eine stimmungsvolle Umgebung schafft, in der wir uns willkommen und wohl fühlen.

3 Tipps für den Hygge-Herbst

  • Teatime bei Regen: In einer überdachten Gartenlaube kann das an milden Tagen ein Erlebnis sein, eine kleine Auszeit vom Alltag.
  • Raclette im Freien: Wer seine Sitzmöbel mit Decken und Fellen ausstattet, kann auch an kühleren Tagen draussen essen.
  • Alternative zum Kaminfeuer: Eine Schwedenkerze im Garten sorgt für stimmungsvolles Licht und Wärme.

WEITERE INFOS

Alle Fotos entstanden im nur 100 m2 grossen Reihenhausgarten der Autorin. Auf ihrem Blog finden Sie weitere Beispiele, wie man es sich im Garten rund ums Jahr hyggelig machen kann: www.garten-gefluester.ch 

Buchtipp: Ellen Forsström, Angélique Ohlin, «Mein Garten – Ein Traum. Inspirationen für naturnahe Gärten», 2016, Thorbecke Verlag, ISBN: 978-3-7995-0637-3