• Die elektronischen Augen offen halten

Die elektronischen Augen offen halten

29.06.2018 MICHAEL STAUB Journalist BR, Kriens

Moderne Videokameras versprechen eine unkomplizierte Überwachung der eigenen vier Wände. Installation und Betrieb der smarten Kameras machen nur selten Probleme. Etwas mehr Aufwand braucht es aber beim Datenschutz und bei der sinnvollen Einbindung der Geräte ins Sicherheitskonzept.

Im Lauf der letzten 20 Jahre hat sich die Kameraüberwachung in öffentlichen Räumen, in Verkehrsmitteln und Geschäftsräumen zunehmend verbreitet. Nun schwappt die Kamera- Welle auch in die private Sphäre. Das «Internet der Dinge» verspricht eine unproblematische und bequeme Überwachung des eigenen Zuhauses. Moderne Kameras sehen nicht nur schick aus. Sie lassen sich auch fernsteuern, senden Livebilder und Meldungen direkt auf das Mobiltelefon und können inzwischen durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz auch Personen, Haustiere und bestimmte Handlungen erkennen.

Ein gutes Beispiel für diese neuen Möglichkeiten ist die «Nest IQ» des US-Herstellers Nest. Die Kamera gibt es in zwei Varianten für den Einsatz im Haus (ca. 370 Franken) oder draussen (ca. 400 Franken). Die «IQ» liefert rund um die Uhr einen Videostream auf das Mobiltelefon, besitzt einen speziellen Nachtmodus und ist mit Lautsprecher und Mikrofon ausgerüstet. Damit soll die Kommunikation mit Freund und Feind möglich werden – etwa um ein Kind zu beruhigen oder unerwünschte Besucher zu vertreiben. Speziell entwickelte Algorithmen ermöglichen der Kamera gemäss Hersteller, Personen zu entdecken und deren Bewegungen innerhalb eines Raumes zu verfolgen. Je nach Wunsch können auch Benachrichtigungen und Alarme programmiert werden. Dazu gehört das Szenario «Jemand hat sich Zugang zum Keller verschafft» ebenso wie «Die Kinder sitzen schon wieder vor dem Fernseher ». Mit dem separat erhältlichen Abonnement «Nest Aware» werden die Kamerabilder rund um die Uhr und bis zu 30 Tage lang aufgezeichnet (Kosten: 30 Franken pro Monat, 300 Franken pro Jahr). Bei besonderen Ereignissen versendet «Nest Aware » zudem Meldungen.

HD-Auflösung

Die «Arlo Pro 2» von Netgear funktioniert innen wie aussen mit kabellosem Videobetrieb und sendet ihre Bilder über ein eigenes Netzwerk. Deshalb benötigt man für ihren Betrieb eine spezielle Basisstation. Wer bereits eine solche besitzt, kann seine bestehenden «Arlo»-Kameras mit den neuen Modellen ergänzen oder ersetzen. Die Kamera alleine kostet ungefähr 290 Franken, ein Set mit Basisstation und zwei Kameras rund 490 Franken. Für die Stromversorgung können wahlweise Akkus oder Netzkabel eingesetzt werden. Die Bilder mit Full- HD-Auflösung (1080p) werden bis zu sieben Tage lang kostenlos in der Netgear- Cloud gespeichert. Normalerweise zeichnet die Kamera nur Videobilder auf, wenn sie Geräusche oder Bewegungen registriert. Ein kostenpflichtiges Abonnement ermöglicht die Aufzeichnung rund um die Uhr sowie längere Speicherdauer für die Videobilder. Die «Arlo» kann entweder mit Amazons Sprachsteuerung «Alexa» oder «SmartThings» von Samsung verbunden werden. Zudem ist sie kompatibel zum Standard «If this, then that (IFTTT)», kann also Impulsgeber für weitere Aktionen werden. Das Blickfeld der Linse beträgt 130 Grad.

Die «Circle 2» von Logitech bietet ein Blickfeld von 180 Grad und eine Full-HD-Auflösung. Auch diese Kamera beherrscht das Erkennen von Personen, sie kann beim Lösen eines zusätzlichen Abonnements auch Nachrichten senden, wenn sie in definierten Zonen Bewegungen entdeckt. Über eine spezielle App kann man Schnappschüsse aufnehmen, Videoclips herunterladen oder sich via Lautsprecher und Mikrofon ins Geschehen einschalten. Im Nachtsichtmodus soll der Kamerablick immerhin noch 4,5 Meter weit reichen. Das Standardmodell kostet 230 Franken und besitzt einen Netzanschluss. Ein umfangreiches Zubehörsortiment macht die Kamera sehr flexibel, ist allerdings nicht ganz günstig. Ein Akku kostet 70 Franken, die Halterung für Wandsteckdosen 45 Franken. Eine Magnethalterung für 25 Franken ermöglicht das Befestigen der Kamera an Regenrinnen, Türzargen oder anderen Metalloberflächen. Als Hersteller mit Sitz in der Schweiz legt Logitech offensichtlich mehr Wert auf Datenschutz und -sicherheit als die USFirmen. So werden die Aufnahmen mittels aktueller Sicherheitsprotokolle übertragen und 24 Stunden lang in einer privaten Cloud abgespeichert. Auf diesen Speicher hat ausschliesslich der Eigentümer der Kamera Zugriff. Für die Verschlüsselung verwendet man ein zweistufiges Verfahren nach AES- 256-Bit.

Situativer Datenschutz

Moderne Sicherheitskameras sind rasch gekauft und installiert. Doch wie sieht eigentlich die Rechtslage aus? «Um andere Personen mit Kameras zu überwachen, braucht es einen Rechtfertigungsgrund», sagt Bruno Baeriswyl, Datenschutzbeauftragter des Kantons Zürich. Wer neuralgische Punkte, etwa den Eingangsbereich seines Hauses, zu bestimmten Zeiten überwacht, kann als Rechtfertigungsgrund ein «überwiegendes Eigeninteresse » geltend machen. Je nach Art und Zeitdauer der Überwachung muss diese allfälligen Besuchern mitgeteilt werden. Eine allgemeine Hinweispflicht gibt es bei Privatgrundstücken aber nicht. Wenn das Grundstück nicht einfach von Drittpersonen betreten werden kann, sind zum Beispiel keine Schilder notwendig. Wenn der überwachte Bereich hingegen von vielen Passanten begangen wird, etwa beim Eingangsbereich eines Reiheneinfamilienhauses, braucht es einen Hinweis. «Zu beachten ist auch, dass nur das eigene Grundstück überwacht werden darf, und nicht auch der öffentliche Grund», sagt Baeriswyl. Beim Einrichten der Kamera muss man also darauf achten, nur den eigenen Boden aufzunehmen und nicht auch noch die Garageneinfahrt oder den Spielplatz der Nachbarn.

Während Aufnahmen im öffentlichen Raum meistens nach einer bestimmten Zeit gelöscht werden müssen, gibt es bei privater Nutzung der Aufzeichnungen keine klare Einschränkung. «Im Allgemeinen dürfen Videoaufnahmen so lange aufbewahrt werden, wie es für den Zweck notwendig ist», sagt Bruno Baeriswyl. Bei Kameras, die Einbrüche verhindern sollen, müssen die Aufzeichnungen gelöscht werden, sobald klar ist, dass kein verdächtiger Vorfall stattgefunden hat. «Dies kann nach 24 Stunden sein oder erst nach einigen Tagen, wenn der Eigentümer aus den Ferien zurückkehrt», sagt Baeriswyl. Bei Aufzeichnungen in Innenräumen brauche es Augenmass und Vernunft, sagt der Datenschützer: «In bestimmten Fällen kann es sinnvoll sein, das Kinderzimmer mit einer Kamera zu kontrollieren, quasi als Erweiterung des alten Babyphones. Aber eine Dauerüberwachung der Kinder widerspricht einer Erziehung, die auf Verantwortung ausgerichtet ist.»

Teil des Ganzen

Überwachungskameras können das Sicherheitskonzept eines Gebäudes gut ergänzen oder vervollständigen, man sollte ihren Nutzen aber nicht überschätzen. Denn eine Kamera kann zwar Bilder eines Einbruchs liefern, sie verhindert ihn jedoch nicht. Hochwertige Alarmanlagen, die allerdings deutlich teurer sind, erkennen hingegen schon Einbruchsversuche, etwa durch Erschütterungs- und Glasbruchsensoren. Um die eigenen vier Wände zu sichern, lohnt es sich, die folgenden Punkte zu beachten:

  • Die mechanische Sicherung der Gebäudehülle stellt die erste Barriere dar. Dazu gehören geeignete Beschläge an Fenstern und Türen, Bauteile einer angemessenen Widerstandsklasse und ggf. auch zusätzliche Sicherungen wie etwa Fenstergitter.
  • Die stärkste Tür nützt wenig, wenn sie nicht abgeschlossen wird. Wichtig ist deshalb ein angemessenes Verhalten, indem etwa Fenster und Türen konsequent geschlossen werden.
  • Unbekannte Personen in Hausnähe sollten angesprochen werden.
  • Vor Werbung überquellende Briefkästen oder rundum geschlossene Jalousien signalisieren: «Hier ist niemand zu Hause». Besser ist, wenn man die Anwesenheit simuliert, zum Beispiel mit Licht, Geräuschen und vorgetäuschten Bewegungsmustern.

Wie andere Geräte, die zum «Internet der Dinge» gehören, sind drahtlose Videokameras ein potenzielles Angriffsziel für Hacker. Ohne gute Absicherung können die Wächter sozusagen in Türöffner verwandelt werden. Das zeigte die 2017 in den USA vorgestellte «Amazon Cloud Cam». Bereits einen Monat nach der Markteinführung entdeckte das Fachmagazin «Wired » eine gravierende Sicherheitslücke: Via Funknetzwerk konnte auf die Kamera zugegriffen und ihr Bild eingefroren werden. Unter dem blinden Kameraauge wären damit Diebstähle möglich gewesen. Amazon reagierte mit einem Sicherheits-Update, seither sind keine neuen Schwachstellen der «Cloud Cam» bekannt geworden.