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  • «Die Angst, mit leerem Akku irgendwo stehen zu bleiben, habe ich verloren»

«Die Angst, mit leerem Akku irgendwo stehen zu bleiben, habe ich verloren»

05.08.2021

E-Mobility – Tagsüber lädt Thomas Koller das Elektroauto vor seinem Geschäft in Engelberg, nachts zu Hause in Hergiswil. Die Bewilligungen für die Installation der Ladestationen hat der technikaffine E-Autofahrer bei den Stockwerkeigentümergemeinschaften eingeholt.

Es ist Anfang Juli und ruhig in Engelberg. Die Sommersaison hat wegen des schlechten Wetters noch nicht so richtig begonnen. Aber nicht der Bergsommer, sondern unser Interesse für Elektromobilität führt uns heute ins Obwaldner Bergdorf. Wir besuchen Familie Koller, die seit zwei Jahren ein Elektroauto fährt. Thomas, Yvonne und Sohn Sandro Koller empfangen uns im Ladenlokal ihres Familienunternehmens Swiss Five Star AG ganz in der Nähe der Titlis-Bahn.

Herausforderungen beim Umstieg auf die Elektromobilität

«Wir nutzen das Elektroauto einerseits privat, andererseits als Firmenwagen», erklärt Thomas Koller. Umweltaspekte seien für ihn zwar wichtig gewesen, aber nicht ausschlaggebend, um von einem Benziner auf ein Elektroauto umzusteigen. «Ganz grün ist ja auch ein Elektroauto nicht», sagt Koller und weist auf die Batterieherstellung und -entsorgung hin. Immerhin bestehe seine Autobatterie aus 17 einzelnen, auswechselbaren Zellen und nicht mehr, wie früher, aus einem einzigen Batterieblock – wenn etwas kaputt geht, kann einfach eine einzelne Zelle ersetzt werden.

Beim Umstieg auf Elektro stand für den Sportlehrer, der heute als Informatiker und Unternehmer tätig ist, sein Interesse an neuen Technologien im Vordergrund. «In unserer Familie sind alle sehr technikaffin», sagt er und schaut zu Sohn Sandro rüber. «Alles, was mit Innovation und neuen Technologien zu tun hat, interessiert uns», bestätigt Sandro. Ausserdem seien Elektroautos viel weniger anfällig für Reparaturen. «Ein Verbrennungsmotor besteht aus 1000 Teilen, ein Elektromotor nur aus 100», erklärt er.

Beim Audi e-tron 55 S handelt es sich um das erste Elektroauto von Familie Koller. «Ich brauchte doch etwa drei Monate, um mich daran zu gewöhnen », sagt Thomas Koller, «mittlerweile habe ich die Angst, mit leerem Akku irgendwo stehen zu bleiben, aber verloren.» Heute geniesst er das Elektrisch-Fahren, ganz besonders das Rekuperieren. Für den Ski- und Autofahrer ist es ein grosser Pluspunkt, dass er den Akku des Elektroautos aufladen kann, wenn er steile Strassen runterfährt. «Übrigens sollte man, wenn man in einer Bergregion wohnt oder Ferien macht, den Akku nie ganz vollladen», sagt Thomas Koller. In den Bergen geht es bergab, das heisst, man beginnt schon bald mit Rekuperieren und lädt damit die Batterie noch ganz auf. Über GPS wissen das smarte E-Autos und kalkulieren es beim Ladevorgang mit ein.

Sohn Sandro, der das Elektroauto mitbenutzt, musste zu Beginn mehr Zeit in die Routenplanung investieren: «Man muss ein bisschen umdenken und sich fragen, wo genau fahre ich durch, lege ich eine Kurz- oder eine Langstrecke zurück, und wo kann ich Strom laden?» Die grösste Herausforderung für Yvonne Koller war eine andere: «Weil der e-tron so leise ist, muss man sich stets bewusst sein, dass Fussgänger – gerade Kinder oder Ältere – einen weniger schnell hören.» Neue Elektroautos müssen mittlerweile über ein «Acoustic Vehicle Alerting System» verfügen, das ein Geräusch erzeugt und damit andere Verkehrsteilnehmer auf das Fahrzeug aufmerksam macht.

Laden während der Arbeit

Thomas Koller lädt das E-Auto tagsüber vor seinem Geschäft Swiss Five Star Ski & Bar an einer Ladestation von Zaptec auf. An der Stockwerkeigentümerversammlung stellte er damals einen Antrag, um die Ladestation an der Hauswand anbringen zu dürfen. Eine verstärkte Stromzuleitung bestand bereits, weil es sich um ein Gewerbehaus handelt. Nach erhaltener Bewilligung engagierte er einen Elektriker, der die Installation vornahm. Dieser klärte zuerst ab, wie viel Strom die Hausinstallation hergibt – mit 22kW war genug Power vorhanden. Ein Lastmanagement erübrigte sich, weil bis auf Kollers Fahrzeug keine anderen Elektroautos regelmässig über eine längere Zeit am Standort geladen werden.

Thomas Kollers Kunden können die Ladestation mitbenutzen. «Es ist allerdings keine Schnellladestation. Sie müssen mit zwei bis drei Stunden rechnen, bis die Batterie geladen ist. 11 kW beträgt die Ladeleistung.» Durch einen Chip ist die Ladestation gesichert, für Gäste kann er sie freigeben. Die Kosten fürs Laden bewegen sich momentan bei etwa 16 Rp. / kWh. 

Über eine App überwacht Koller den Ladevorgang, wenn sein Auto am Strom hängt. Nach einer Vollladung hat sein Audi e-tron 55 S eine Reichweite von bis zu 400 Kilometern. 

  

Die Ladestation ist mit einem Chip gesichert. Über die App sieht Thomas Koller, zu wie viel Prozent die Batterie bereits geladen ist. Im «Motorraum» wird der Wechselstrom-Gleichstrom-Adapter fürs Laden unterwegs aufbewahrt. (v.l.n.r.)

Laden zu Hause über Nacht

Daheim in Hergiswil wird das Elektroauto an einer Mennekes-Ladestation in der Einstellhalle geladen. Die Bewilligung für die Ladestation holte Koller auch hier bei seiner Stockwerkeigentümergemeinschaft ein.  «Es lief alles sehr unkompliziert», erzählt er, «viele sind mittlerweile sensibilisiert für das Thema Elektromobilität.» Neben ihm würden auch noch zwei andere Stockwerkeigentümer ein Elektroauto besitzen. «Die grösste Angst bei geteilten Einstellhallen ist ja jeweils, dass jemand auf Kosten anderer Strom beziehen könnte», sagt Koller. In seiner Stockwerkeigentümergemeinschaft liess es sich ganz einfach regeln: Jede Wohnung hat ein eigenes Haupttableau mit Stromzählermessung, an das die Ladestation angeschlossen ist.

  

Technikaffines Familienunternehmen: Die Beleuchtung im Ladenlokal wird mittels iBricks-Smarthome-Schalter gesteuert und auf dem Tablet angezeigt. Der digitale Ski, der hier verkauft wird, ist mit einem Chip ausgestattet, der unter anderem Abfahrten aufzeichnet und vor Diebstahl schützt.

Unterwegs auf langen Strecken

Die Kollers sind viel mit dem E-Auto unterwegs. Dabei konnten sie in den letzten zwei Jahren verschiedene Erfahrungen mit Schnellladestationen sammeln. «Ob im Tessin oder in Südfrankreich, wir haben immer eine Stromtankstelle gefunden. Es fällt aber auf, dass man heute teilweise etwas länger warten muss als noch vor zwei Jahren, bis man mit Laden drankommt. Man spürt, dass mehr Elektroautos auf den Strassen unterwegs sind», sagt Yvonne Koller. Auf weiten Strecken würden sie die Fahrt jeweils so planen, dass sie an HPC-Ladestationen vorbeikämen. HPC steht für High Power Charging und bietet Ladeleistungen zwischen 100 und 350 kW.

Was bringt die Zukunft?

Für die Kollers ist klar, dass die Elektromobilität Zukunft hat. «Da entwickelt sich in den nächsten Jahren noch ganz viel mehr», sagt Sandro. Und Thomas Koller geht als Informatiker noch einen Schritt weiter und vergleicht die Elektromobilität mit der IT: «Früher war in der IT der Speicherplatz das grosse Problem. Heute ist man vernetzt und nutzt die Cloud.» In eine ähnlich vernetzte Richtung werde sich auch die Elektromobilität entwickeln, ist er überzeugt. «Man wird E-Autos immer häufiger als Energiespeicher nutzen und ins Gebäudesystem integrieren», sagt Thomas Koller zum Abschluss unseres Besuchs.

YVONNE LEMMER, Redaktorin beim HEV Schweiz

THOMAS AMMANN, Dipl. Arch. FH, Ressortleiter Energie und Bautechnik beim HEV Schweiz 

Merkblatt: E-Ladestationen im STWE

Die Elektromobilität nimmt stetig zu und tangiert auch immer mehr Stockwerkeigentümergemeinschaften. Deshalb hat der HEV Schweiz ein Merkblatt zum Thema erstellt. Das 6-seitige Merkblatt enthält detaillierte Erläuterungen zum Vorgehen und der Organisation der Beschlussfassungen für das Einrichten von E-Ladestationen in Einstellhallen im Stockwerk- bzw. Miteigentum. Fr. 7.50 für Mitglieder, Fr. 9.50 für Nicht-Mitglieder.