• Vogelgezwitscher im Garten

Vogelgezwitscher im Garten

28.09.2017     LIVIO REY, MSc Biologie, Mitarbeiter Öffentlichkeitsarbeit, Schweizerische Vogelwarte, Sempach

Wohnumgebung – Im Siedlungsraum gibt es eine erstaunliche Anzahl verschiedener Tier- und Pflanzenarten. Ein naturnaher Garten bietet ihnen Lebensraum und ermöglicht uns das Naturerlebnis vor unserer Haustür.

Je grösser ein Garten ist, desto einfacher ist die Realisierung vogelfreundlicher Elemente. Aber jeder Garten kann naturnah gestaltet werden, unabhängig von seiner Grösse. Gibt es im Garten ein grosses und vielfältiges Nahrungsangebot, reichlich Verstecke zum Ausruhen und Schlafen sowie Nistmöglichkeiten, finden Vögel alles vor, was sie zum Leben brauchen. Aber nicht nur Vögel, auch viele weitere Tiere profitieren von einem naturnahen Garten.

Vogelfreundliche Elemente für jeden Garten

Das beste Rezept für eine grosse Artenvielfalt heisst «Lebensräume schaffen». Als Grundsätze gelten die Förderung einheimischer Pflanzen, das Anlegen einer Vielfalt an Lebensräumen und Strukturen, Verzicht auf chemische Hilfsmittel und eine fachgerechte, naturschonende Pflege. Als Lebensräume können verschiedene Wiesen oder Blumenbeete, Gebüsche, Hecken, Hochstamm- Obstbäume, Tümpel und Teiche, Ast-, Sand-, Kies- und Steinhaufen, Trockenmauern, Komposthaufen oder Kletterpflanzen an der Hausfassade angelegt werden.

Wer alle diese Elemente in seinem Garten realisieren möchte, braucht viel Platz. Die meisten Gärten bieten diesen Platz aber nicht. Jedoch können auch Nutz- und Ziergärten, Kleingärten und sogar Balkons und Terrassen naturnah gestaltet werden. Das Nebeneinander von Gartenpflanzen und einheimischen Pflanzen ist, biologischer Gartenbau vorausgesetzt, immer noch ein interessanter Lebensraum für Tiere. In einem Kleingarten können ein schöner Einzelstrauch, beispielsweise eine Kornelkirsche oder ein Schwarzer Holunder, und eine mit Kletterpflanzen begrünte Fassade bereits viel bewirken. Auf Balkons und Terrassen sind Wildpflanzenmischungen im Balkontrog und Blumen wie Thymian, Lavendel, Gartensalbei, Dost oder Majoran eine gute Nahrungsquelle für Bienen. Auch hier bieten Kletterpflanzen Schatten und Lebensraum.

Für das leibliche Wohl

Die meisten Vögel ernähren ihre Jungen mit Insekten und brauchen daher im Frühling und Sommer ein reichhaltiges Insektenangebot. Auf einheimischen Büschen und Sträuchern gibt es mehr Insekten als an exotischen Gewächsen. Auch die Wiese ist ein wichtiger Hort für Insekten. Wenn immer möglich sollte nicht die ganze Fläche auf einmal gemäht werden und auch nicht öfter als 2-3 Mal pro Jahr. So finden Insekten immer genug Nahrung, und Pflanzen können absamen. Ausserdem können sich Insekteneier, die an Grashalmen abgelegt wurden, bis zum ausgewachsenen Insekt entwickeln. Blumenlose, häufig gemähte Rasenflächen sind dagegen für die Natur nicht wertvoll. 

Organische Abfälle aus Küche und Garten werden auf einem Komposthaufen in insekten- und nährstoffreiche Gartenerde umgewandelt. Braucht es zusätzliche Gartenerde, sollte auf keinen Fall ein Produkt, das Torf enthält, gekauft werden. Zusätzlichen Dünger braucht es nicht, und auf Herbizide und Insektizide ist zu verzichten. All diese Massnahmen sorgen dafür, dass der Garten im Sommer ein reich gedeckter Tisch für Vögel und ihre Jungen ist.

Sobald die Jungvögel ausgeflogen sind, müssen sich die Vögel auf den Wegzug oder die Überwinterung vorbereiten und fressen sich Fettreserven an. Dabei helfen ihnen die vielen zuckerhaltigen Beeren, die es im vogelfreundlichen Garten gibt. Besonders beliebt sind die Früchte von Vogelbeerbaum, Traubenkirsche, Schwarzem Holunder, Süsskirsche, Gemeinem Pfaffenhütchen, Rotem Holunder, Liguster und Kornelkirsche. Auch hier sind einheimische Pflanzen zu bevorzugen: Eine einheimische Süsskirsche bietet über 45 verschiedenen Vogelarten Nahrung, der exotische Kirschlorbeer nur dreien! Einige Vögel fressen keine Beeren, sondern Körner, beispielsweise der Stieglitz oder der Haussperling. Die Samen von Wilder Karde, Feld- Witwenblume, Gemeiner Skabiose, Gemeiner Kratzdistel, Wiesen-Flockenblume, Wiesen-Bocksbart, Wegwarte und Löwenzahn bieten ihnen Nahrung im Überfluss.

Für Ruhe und Sicherheit

Vögel ruhen nicht nur in der Nacht, sondern auch tagsüber. Dabei wählen sie Standorte aus, die ihnen Sicherheit bieten. Diese befinden sich beispielsweise auf Bäumen und in Sträuchern, an mit Efeu begrünten Fassaden oder in Asthaufen. Insbesondere Dornensträucher haben mehrere Vorteile. Hier können die Vögel einerseits unbehelligt ihr Nest bauen und die Jungen aufziehen, andererseits dienen ihnen Dornensträucher für den Rest des Jahres als Rückzugsort vor Katzen und anderen Gefahren.

Gegen den Durst und für die Körperpflege

Wasserstellen sind für Vögel zum Baden und zum Trinken zu allen Jahreszeiten wichtig. Nach dem Baden putzen sich die Vögel und pflegen ihr Gefieder. Dadurch behält das Federkleid seine isolierenden Eigenschaften und der Vogel seine Flugtüchtigkeit. Als Vogelbad eignet sich als Minimalvariante ein Blumentopfuntersetzer, andere Möglichkeiten sind Vogelbäder aus Stein oder ein Flachwasserbereich im Gartenweiher. Unbedingt sollte das Vogelbad an einem übersichtlichen Ort platziert werden, wobei die Vegetation ringsum auch nicht zu dicht sein sollte. So können badende Vögel eine sich nähernde Gefahr frühzeitig entdecken. Das Wasser sollte nicht tiefer sein als fünf Zentimeter. Nicht abgedeckte Regenwasserbecken sind als Vogelbad nicht nur ungeeignet, sondern bergen sogar eine grosse Ertrinkungsgefahr. Ein Vogelbad sollte nur dann bereitgestellt werden, wenn es jeden Tag gereinigt und das Wasser täglich gewechselt werden kann. Sonst können sich Krankheiten unter den Vögeln ausbreiten. Weniger aufwendig sind Vogelbäder, durch die dauernd Frischwasser fliesst. 

Als Alternative zu einem Vogelbad können auch feinsandige Stellen angeboten werden, wo Vögel «sandbaden » können. Sie nutzen solche Stellen zur Körperpflege. Es wird vermutet, dass Vögel in einem Sandbad Federfett und Parasiten besser abstreifen können als im Wasser. 

Der Aufwand lohnt sich

Naturnahe Gärten sehen oft etwas verwildert aus, was jedoch nicht heisst, dass sie keinen Aufwand verursachen. Pflanzen müssen gewässert, Sträucher und Bäume geschnitten und unerwünschte Gewächse entfernt werden. Das Instandhalten eines sterilen, ökologisch nicht wertvollen Gartens ist jedoch ebenfalls aufwendig. Zudem wird man in einem naturnahen Garten mit reichlich Vogelgezwitscher und einer beeindruckenden Artenvielfalt belohnt. Schon die Bereitstellung weniger naturnaher Elemente hilft, die Gärten miteinander zu vernetzen und es vielen Tieren zu ermöglichen, auch in unserer direkten Umgebung einen Lebensraum zu finden.

Merkblätter / Broschüren

Die Merkblätter der Vogelwarte und von BirdLife Schweiz «Der vogelfreundliche Garten» und «Schnitt von Sträuchern und Hecken in Siedlungen: wann und wie?» liefern Tipps und konkrete Anleitungen, damit Sie Ihren eigenen Garten vogelfreundlicher gestalten können. Sie sind gratis online unter www.vogelwarte.ch verfügbar. 

In der Broschüre «Vögel rund ums Haus» der Vogelwarte Sempach erfahren Sie viele interessante Informationen zu unseren gefiederten Freunden im Siedlungsraum und zur vogelfreundlichen Gartengestaltung. Sie kann im Online- Shop der Vogelwarte Sempach unter www.vogelwarte.c/shop bezogen werden.