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Unikat auf neustem Stand

11.08.2017     MICHAEL STAUB, Journalist BR, Kriens

Liftanlagen – Die Modernisierung bestehender Aufzüge ist anspruchsvoll. Fast schon unmöglich schien sie bei einem Personenlift in Zürich. Dank grossen Einsatzes und vieler Speziallösungen gelang das Projekt.

Bestehende Personenlifte, die den aktuellen technischen Standards nicht mehr genügen, müssen saniert werden. Die zugrunde liegende europäische Richtlinie SNEL (Safety Norm for Existing Lifts) wird in der Schweiz unterschiedlich gehandhabt. Im Kanton Zürich, der neben Genf als einziger Kanton an periodischen Aufzugskontrollen festhält, wird die SNEL in Form der Esba (Erhöhung der Sicherheit an bestehenden Aufzügen) relativ streng umgesetzt. Eine Modernisierung kann gemäss der kantonalen Auslegung unter anderem verfügt werden, wenn in Schachttüren ungeeignetes Glas verwendet wird, wenn Notbeleuchtung oder Notrufeinrichtung in der Kabine unzulänglich sind respektive fehlen oder wenn das Antriebssystem nur eine schlechte Anhaltegenauigkeit erreicht.
 
Für Hauseigentümer kann dies heissen, dass eine bislang problemlose und unfallfreie Aufzugsanlage mit hohen Kosten auf den verlangten Stand gebracht werden muss. Auch Thomas Niggli hat vor einiger Zeit eine solches Schreiben erhalten. Er besitzt ein Eckhaus im Zürcher Seefeld. Im Auge des Treppenhauses liess sein Vater vor rund 40 Jahren einen Zweipersonenlift einbauen. Der filigrane Liftschacht ist eine Stahlkonstruktion mit grossen Glasscheiben. So gelangt trotz der engen Platzverhältnisse erstaunlich viel Licht in das Treppenhaus. Jedoch handelt es sich um geriffeltes Flachglas, kein Verbundsicherheitsglas. Auch die bestehende Kabine ohne Innentüren genügte den heutigen Anforderungen nicht mehr. «Dieser Lift war schon damals eine Spezialanfertigung », erinnert sich der Bauherr, «heute dürfte man eine solche Anlage gar nicht mehr haben.» Die verlangte Modernisierung habe ihn aus finanzieller Sicht nicht begeistert, sagt Thomas Niggli. Es sei rasch klar geworden, dass die Modernisierung über 80 000 Franken kosten würde, «und das ist ein Betrag, mit dem man an einem Haus doch ordentlich etwas machen kann.»

Erbauer am Zug

Für die verlangte Modernisierung holte Thomas Niggli erste Offerten ein. Die Reaktionen der befragten Firmen stimmten ihn wenig zuversichtlich. Mehrere Monteure hätten den Lift gesehen und sogleich abgewinkt. Eine Plombierung des Lifts schien naheliegend und vor allem günstiger als die «unmögliche» Modernisierung. «Da dachte ich mir: Wer den Lift gebaut hat, kann ihn auch modernisieren», sagt Niggli. Der Hersteller, die Gebauer AG, war inzwischen in der AS Aufzüge AG aufgegangen. Dort wurde das Projekt von Silvio Curia, Verkaufsingenieur Modernisierung, betreut. «In der Stadt Zürich erneuern wir pro Jahr etwa fünf bis sechs vergleichbare Lifte. Aber dieses Objekt war wirklich ein Spezialfall», sagt Curia. Um die Esba-Vorschriften zu erfüllen, mussten bei der Anlage unter anderem der bestehende Antrieb ersetzt, die Kabine mit Innentüren ausgerüstet und eine elektronische Steuerung installiert werden. 
 
 Schacht und Aussentüren der Anlage entsprechen dem Originalzustand und erinnern an ein Technikdenkmal. Wie bei einem sorgsam restaurierten Oldtimer blieb die Karosserie bestehen, hingegen wurden Fahrkomfort und Sicherheit deutlich verbessert. Der massive Kabinenkörper blieb erhalten, wurde aber mit neuen Innentüren, Verkleidungen, Beleuchtung, Display und Notrufeinrichtung ausgestattet. Die zusätzlichen mechanischen und elektronischen Bauteile beanspruchten jedoch viel Platz. «Wir mussten jeden Kubikzentimeter ausnutzen», sagt Curia. Auch deshalb bietet der ursprüngliche Zweipersonenlift nur noch Platz für eine Person. Der Anschlusskasten ist nicht auf dem Dach platziert wie üblich, sondern unterhalb der Kabine. Auch für die Steuerbirne mussten verlängerte Kabel verwendet werden. Angetrieben wird der Lift von einem G-300-Aggregat: «Dieser Antrieb passte ideal in den bestehenden Maschinenraum. In diesem haben wir neu auch die ganze Steuerung integriert, die zuvor in einem separaten Kasten untergebracht war», berichtet Curia.

Hartnäckiges Tüfteln

Wie es bei AS Aufzüge üblich ist, wurde das gesamte Projekt vom selben Monteur begleitet. Das Modifizieren und Einpassen der unterschiedlichen Komponenten beanspruchte viel Zeit, gelang aber dank Hartnäckigkeit und Berufsstolz. Nach der Inbetriebnahme waren gewisse Justagen notwendig. «Die Türen schlossen sich nicht immer, der Grund war letztlich ein klemmender Schliessbolzen», sagt Thomas Niggli. Mit der Ausführung und Qualität der Arbeit sei er zufrieden, sagt der Bauherr: «Natürlich war das jetzt eine grössere Investition. Aber ich gehe davon aus, dass ich jetzt für lange Zeit Ruhe habe und mich nicht mehr um das Thema Lift kümmern muss.»

Seine Zeit will der ausgebildete Lehrer und freischaffende Heilpädagoge künftig vermehrt der Musik widmen. Seit bald 50 Jahren spielt Thomas Niggli die Sitar. Mit dem indischen Saiteninstrument deckt er eine breite Palette von klassischer indischer Musik bis zur World Music ab. Die Musik sei eigentlich der einzige Punkt, bei dem der Liftumbau Nachteile gebracht habe, sagt der Hauseigentümer: «Seit die Innentüren montiert sind, bringe ich meinen elektrischen Verstärker nicht mehr in die Kabine. Jetzt trage ich ihn halt die Treppe hinauf.»

Ressourcen für Hauseigentümer

Gemäss Artikel 58 OR ist der Eigentümer einer Aufzugsanlage für deren sicheren Betrieb verantwortlich. Wie es dem föderalistischen Geist der Schweiz entspricht, stellen die Kantone unterschiedliche Anforderungen bei der Umsetzung dieser Vorgabe. Das Merkblatt «Erhöhung der Sicherheit bei
älteren Aufzügen», auf der Website des Verbandes Schweizerischer Aufzugsunternehmen (VSA), liefert eine gute erste Orientierung zum Thema: www.aufzuege.ch/modernisierung.php