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Pflanzen machen Architektur

12.05.2017     SANDRA AEBERHARD Faktor Journalisten, Zürich

Intensiv begrünte Hochhäuser beginnen an verschiedenen Orten der Schweiz zu spriessen. Sie lassen vertikale «Gärten» entstehen, die sich mit den Jahreszeiten verändern und zur Biodiversität beitragen.

Wie man Gärten in luftiger Höhe anlegt, hat der italienische Architekt Stefano Boeri mit den beiden begrünten Mailänder Wohntürmen «Bosco verticale » (vertikaler Wald) bereits 2014 gezeigt. Bis Ende 2018 entsteht auch auf dem autofreien Areal der ehemaligen Suurstoffi in Rotkreuz ein Wohnhochhaus, dessen äussere Hülle durch eine intensive Bepflanzung begrünt ist. Das Gartenhochhaus Aglaya soll zum Wahrzeichen des 165 000 Quadratmeter grossen Suurstoffi- Areals werden, das langfristig vollständig CO2-frei sein wird und sich weitgehend ohne Energiezufuhr von aussen betreiben lassen wird. Der grüne Wohnturm, der derzeit nach den Plänen von Ramser Schmid Architekten sowie Lorenz Eugster Landschaftsarchitektur und Städtebau erbaut wird, erstreckt sich über eine Höhe von 70 Metern. Auf den 2600 Quadratmeter umfassenden unteren vier Stockwerken sind Büros, Gewerbe sowie Gastronomie geplant. Auf der 5. bis 21. Etage befinden sich insgesamt 85 Eigentumswohnungen in verschiedenen Grössen mit jeweils zwischen 1,5 und 5,5 Zimmern.

Wohltuendes Grün

Die Nähe zur Natur ist einerseits gegeben durch die Sicht auf die umliegende Landschaft mit Bergen und Wiesen, aber auch durch die begrünten Terrassen. Damit sich die künftigen Bewohner selbst in luftiger Höhe den Traum vom eigenen Garten erfüllen können, ist auf den Balkons eine grosszügige Bepflanzung vorgesehen. «Die Bewohner werden sich dank der Begrünung auf ihrem Balkon ein wenig wie in einem Garten oder in einer Gartenlaube fühlen, obwohl sie sich in einem Hochhaus befinden. Die Ausblicke aus der Wohnung auf Bäume und Kletterpflanzen verstärken diesen Eindruck », sagt Glenn Fischer, Landschaftsarchitekt im Büro Lorenz Eugster, das das Konzept für die Bepflanzung entwickelt hat, und fügt an: «Das Vegetationskonzept des Wohnturms Aglaya unterscheidet sich von begrünten Fassaden, bei denen die Pflanzen an der Fassade
emporwachsen, dadurch, dass man auf seinem Balkon einen üppigen grünen Aussenraum vorfindet.» In den Pflanztrögen und auf dem Dach werden grosse, mehrstämmige Solitärbäume gepflanzt, die nach speziellen Kriterien wie beispielsweise Windbeständigkeit, Frosttoleranz oder Habitus ausgewählt werden und im Herbst mit einer spezifischen Blattfärbung den Turm zum Leuchten bringen. Fischer: «Typische Gartensträucher und Kletterpflanzen, Frühlingsblüher und Stauden ergänzen die Bepflanzung und sorgen für ein rundum wohltuendes Grün.» Den Aufwand für die Pflege brauchen die künftigen Wohnungsbesitzer übrigens nicht zu scheuen – im Wohnungsservice inbegriffen ist nämlich der regelmässige Unterhalt durch fachkundige Gärtner. Für eine bedarfsgerechte Bewässerung ist zudem ein System eingebaut, das den Wasserstand kontrolliert und falls nötig zusätzlich tröpfchenweise Wasser liefert.

Tour de Cèdres – Prototyp für die Stadt von morgen

Ein begrüntes Hochhaus soll auch als neues Wahrzeichen in der Waadtländer Gemeinde Chavannes-près-Renens, unweit von Lausanne, entstehen. Der «Tour de Cèdres» ist Kernstück einer Grossüberbauung und wird mit 117 Metern fast so hoch werden wie der Zürcher Prime Tower (126 Meter). Die Bewohner von Chavannes haben 2014 das Projekt des Mailänder Architekten Stefano Boeri an der Urne gutgeheissen. Mit dem 36-geschossigen Zedern-Turm, der voraussichtlich 2020 fertiggestellt sein soll, will Boeri einen Beitrag leisten zur urbanen Verdichtung und gleichzeitig einen Prototypen liefern für eine neue Art zu leben und zu wohnen. Über hundert Bäume, darunter vier verschiedene Zedernarten, Eichen, Ahorne sowie eine Vielfalt an Büschen, sollen dereinst die 3000 Quadratmeter der Fassade zieren und eine natürliche farbige Hülle bilden. In die bis zu drei Meter auskragenden Loggias sind Pflanzenbehälter mit bis zu neun Kubikmeter Volumen sowie ein Befestigungs- und Bewässerungssystem integriert.

In Harmonie mit der Natur

Die Natur soll eine Symbiose mit der Architektur bilden und Einzug halten im Wohnbereich. Fauna und Flora sollen auch in 100 Metern Höhe ungewöhnlich nah sein, während der Lauf der Jahreszeiten sowohl für die Bewohner wie auch für die Betrachter von aussen an dem sich verfärbenden Pflanzenkleid ablesbar sein wird. Verstärkt wird dieser Prozess durch das saisonal variierende Verhalten der Vögel und Insekten. Die Fassadenbegrünung soll aber nicht nur Zierde sein, sondern auch CO2 absorbieren, einen Beitrag zur Beschattung des Wohnraums leisten, dadurch den Energieverbrauch senken und zu einer natürlichen Klimatisierung der Innenräume beitragen.

Auch mehrere Hersteller von Baustoffen haben die Idee der Verbindung von Bauteilen und Pflanzen in ihre Produktgestaltung einfliessen lassen. So gibt es verschiedene Erfindungen, die Gärten in der Vertikalen zum Durchbruch verhelfen sollen, beispielsweise Betonplatten, durch die das Grün schiesst und die die Fassaden plötzlich zum Rasen machen. In Innenräumen hat sich die Bepflanzung in den vergangenen Jahren zum lebenden Kunstwerk gemausert. Grüne Wandbilder sind aber nicht nur dekorativ, sie binden auch Feinstaub, wirken schalldämmend und befeuchtend. Die Grünflächen im Siedlungsraum nehmen leider immer mehr ab. Doch bleibt zu hoffen, dass dank innovativer Architektur und neuer Bepflanzungstechniken das Grün seinen Platz in der urbanen Welt zurückerobern wird.