• Haben Sie einen jungen Vogel gefunden?

Haben Sie einen jungen Vogel gefunden?

27.04.2017     SUSY UTZINGER, Journalistin, Tierexpertin

Jeden Frühling laufen die Telefone in den Tierschutzorganisationen heiss: Immer wieder entdecken Tierfreunde jetzt flügge gewordene Jungvögel am Boden, die ungeschickt herumhüpfen und den Eindruck vermitteln, sie würden Hilfe brauchen. Kaum ein Jungvogel benötigt allerdings tatsächlich menschliche Hilfe. Und gut gemeinte «Rettungsaktionen » kosten jedes Jahr unzähligen Vögelchen das junge Leben. Wer weiss, wann welche Art der Hilfe angebracht ist, kann tatsächlich Leben retten.

Wenn Vogelkinder flügge werden, werden sie Ästlinge genannt. Je nach Vogelart verlassen diese jungen Flatterer ihre Nester, sobald sie vollständig befiedert sind. Erste Ausflüge auf die Äste in unmittelbarer Nest- Nachbarschaft führen irgendwann dazu, dass der junge Piepmatz abstürzt, bevor er fliegen kann. Das gehört zum Erwachsenwerden eines Vogels dazu und ist nicht weiter problematisch. Die Vogel-Teenies lernen jetzt neben dem Fliegen auch alles andere, was es zum Vogelsein braucht. Ihre Eltern leiten sie an und versorgen sie auch noch einige Zeit mit Futter. Während die Eltern auf Futtersuche sind, verbringen die Jungvögel viel Zeit alleine in der Nestumgebung. Mit kräftigen Standortlauten zeigen sie ihren Eltern, wo sie sich befinden.

Gleichzeitig ist diese Lebensphase wohl die gefährlichste im Leben eines Vogels: Neben tierischen Feinden, wie zum Beispiel Katzen, tragen auch spielfreudige Menschenkinder und erwachsene «Tierretter» ganz schön viel zum Leid flügge gewordener Jungvögel bei, indem sie die vermeintlich verlassenen Jungtiere einpacken und nach Hause nehmen.

Wichtige Lehrjahre

Gerade in dieser Entwicklungsphase brauchen Jungvögel unbedingt die Eltern, denn sie vermitteln ihnen in dieser Zeit alles, was sie später zum alleinigen Überleben in der Wildnis brauchen. Kommt der Vogel jetzt in Menschenhand, sind seine Überlebenschancen klein: Er erlernt genau diejenigen Dinge nicht, die ihm das Überleben auf die Dauer sichern würden. Mit diesem Defizit hat er kaum Chancen, sich in der Natur alleine zu etablieren.

So können Sie helfen

Sollte der Kleine tatsächlich in akuter Gefahr sein (zum Beispiel auf einer Strasse), kann man ihn ohne Bedenken in die Hand nehmen und in einen Busch – ein paar Meter entfernt – setzen (höchstens 25 Meter weit weg, sonst finden ihn die Eltern nicht mehr). Die Vogeleltern werden ihn ohne Probleme wieder annehmen, Menschengeruch an ihrem Nachwuchs stört sie nicht.

Sind keine Vogeleltern mehr da, ist Lagebeobachtung angesagt

Wenn Sie bezweifeln, dass noch Vogeleltern da sind, die einen gefundenen Jungvogel versorgen können, ist es wichtig, die Lage zu beobachten – und zwar aus sicherer Entfernung (mind. 50 Meter, sonst trauen sich die Wildvögel nicht zu ihren Jungtieren). Innerhalb von zwei Stunden müssten dann die Eltern das Rufen ihres Jungtieres hören und in seiner Nähe erscheinen. Sind auch nach zwei Stunden keine Elterntiere in Sicht, steht fest, dass es sich um einen verlassenen Jungvogel handelt, der in die Obhut von Fachleuten gehört.

Jungvogel mit nach Hause genommen – und jetzt?

Sollten Sie gerade kürzlich einen gesunden, vollbefiederten Jungvogel in der Bettelflugphase nach Hause genommen haben, können Sie diesen Fehler unter Umständen wiedergutmachen: Altvögel sind gute Eltern und suchen ihre verloren gegangenen Ästlinge bis zu 24 Stunden lang. Innerhalb dieser Zeit können Sie also «Ihren» Schützling wieder an den Fundort zurückbringen und aus sicherer Distanz beobachten, ob seine Eltern ihn wiederfinden.

Hier dürfen oder sollen Sie helfen

Halbnackter Jungvogel am Boden

Solange die Jungvögel noch unvollständig befiedert oder gar nackt sind, brauchen sie Hilfe. Auch diese Nestlinge können unter Umständen mal aus dem Nest fallen – in einem solchen Fall haben sie keine Überlebenschancen und brauchen Hilfe. Sollten Sie einen halbnackten Jungvogel am Boden
finden, nehmen Sie das Tier bitte und setzen Sie es zurück in sein Nest. Sie dürfen ein solches Tier kurz in die Hände nehmen, die Vogeleltern werden es trotz Menschengeruch wieder annehmen.

Segler und Schwalben

Wenn junge Segler und Schwalben am Boden festsitzen, ist das ebenfalls ein Notfall: Mauersegler, Alpensegler und Schwalben können von ihren Eltern am Boden nicht gefüttert werden. Am Boden gestrandete Vögel dieser Art (egal, ob jung oder alt) sind immer in Not und brauchen auf jeden
Fall Hilfe.

Wildlebende Vögel

Verletzte und kranke Vögel, aber auch Jungvögel gehören in die Hände von Fachleuten. Die Haltung und Pflege von wildlebenden Vogelarten ist ausserdem bewilligungspflichtig (Kant. Jagdverwaltung oder Veterinäramt). Nachfolgend finden Sie mehr Informationen, Merkblätter zum
Herunterladen und Kontakte zu entsprechenden Fachstellen:

Schweizer Vogelschutz SVS / Bird- Life Schweiz, Zürich, Tel. 044 457 70 20, E-Mail: svs(at)birdlife.ch  www.birdlife.ch

Schweizerische Vogelwarte, Sempach, Tel. 041 462 97 00, E-Mail: info(at)vogelwarte.ch, www.vogelwarte.ch