• Fassade – multifunktionales Element

Fassade – multifunktionales Element

15.09.2017     HELEN STACHER, Conzept-B

Die Fassade ist für die Architektur und deren Wirkung entscheidend. Sie ist aber auch die Visitenkarte einer Organisation oder Unternehmung, also imagebildend.

Das Wort «Fassade» stammt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie «Angesicht». Schon im alten Rom erkannten die Architekten, dass eine Fassade für die Anmut eines Gebäudes sehr bedeutend ist und Rückschlüsse auf den Besitzer eines Hauses zulässt. Fassadengestaltungen geben auch Strassenzügen ein Gesicht, sie modellieren den Aussenraum und das Stadtbild. Gebäude mit zurückhaltenden oder markanten Fassaden prägen entsprechend das Erscheinungsbild von Strassen und Plätzen. «Die Fassade ist die Innenwand des Aussenraums, und die Aussenwand des Innenraums. Sie ist der Kampfplatz der Architektur, des Städtebaus und der Konstruktion, die Verbindung vom grossen zum kleinen Massstab und umgekehrt», meint Andrea Deplazes, Architekt und Professor an der ETH Zürich.

Gerade wegen ihrer spektakulären Fassade prägt beispielsweise die neue Elbphilharmonie von Herzog & de Meuron die Silhouette der Stadt Hamburg. Der wellenförmige Glasbau im Hafen ist der neue Orientierungspunkt und die Visitenkarte der Stadt. Die bis zu fünf Meter hohen Scheiben aus bedrucktem Vierfach-Glas haben gestalterische und funktionale Qualität. 1000 gebogene und bedruckte Fassadenelemente verwandeln die Elbphilharmonie in einen riesigen Kristall, der die Farben und Lichter des Himmels, des Wassers und der Stadt einfängt und reflektiert.

Fassadentechnologien in der modernen Architektur

Vom passiven «Abschluss» zwischen Innen- und Aussenbereich hat sich die Fassade zu einer multifunktionalen, aktiven Gebäudehülle entwickelt und ist aus der modernen Architektur nicht mehr wegzudenken. Die Anforderungen an eine Fassade werden immer vielfältiger. Dies beginnt mit den Vorgaben der Bauherrschaft und setzt sich fort in einer durchdachten, effizient umsetzbaren Konstruktion und Montage, inkl. Wärmeschutz, Lüftung, Blend-, Brand- und Schallschutz, bis hin zur Tageslichtnutzung und zur architektonischen Gestaltung. Ebenso wichtig sind Aussagen zu Betrieb, Unterhalt, Reinigung sowie zur Ökologie und Nachhaltigkeit. 

Neben bewährten Baustoffen wie Backstein, Beton, Faserzement und Metall sind hinterlüftete Keramikfassaden sowie eine leichte transparente Bauweise mit Glas im Trend. Gerade Glasfassaden sind bei Architekten und Bauherren beliebt, denn mit einer sehr dünnen Fassade erreicht man eine maximale Transparenz sowie gute Werte bezüglich Wärmedämmung, Schallschutz und Sicherheit. Ein aktuelles Beispiel sind die beiden One-One-Türme in Cham mit einer elegant schimmernden Gebäudehülle aus Metall und Glas. Die facettierte Fassade sowie die grossflächigen, rundumlaufenden Fensterbänder prägen diese Bauwerke. Bei Hochhäusern mit Wohnungen im Luxussegment gehören grossflächige Fenster ebenso wie durchlaufende Fensterbänder oder Übereckverglasung fast schon zur Norm. Die Fensterbänder werden in Cham jedoch nicht repetitiv von unten nach oben eingesetzt: Mit jedem Wohnungstyp wird die Raumhöhe leicht gesteigert und der Fensteranteil erhöht. Dies ist auch im Innenraum durch die rundumlaufenden Panoramafenster – die den Blick auf den Zugersee und die Alpen freigeben – erlebbar. Mit zunehmender Höhe entstehen grössere Glasflächen, mehr Transparenz und entsprechend mehr Exklusivität.

Längere Lebensdauer: die hinterlüftete Fassade

Bei der hinterlüfteten Fassade wird ein sogenannter Wetterschild im Abstand von einigen Zentimetern vor die Unterkonstruktion gehängt. Diese Hinterlüftung garantiert einen unscheinbaren, aber sehr wirksamen Entsorgungsweg für anfallende Feuchtigkeit. Auch Feuchtigkeit, die in Form von Wasserdampf von aussen in die Hinterlüftung eindringt und an der inneren Oberfläche des äusseren Wetterschildes kondensiert, ist kein Problem: Der hinterlüftete Raum wird ständig von Luft durchströmt und dadurch ausgetrocknet. Die Hinterlüftung entlastet die äusserste Schicht von der sogenannten Dampfdiffusion, also der Feuchtigkeit, die im Haus entsteht und Bauschäden an den Wänden verursachen kann. Dazu dämpft sie sommerliche Temperaturspitzen. Diesem grossen Vorteil der hinterlüfteten Fassade steht ein Nachteil gegenüber: Sie ist um rund 40 Prozent teurer als kompakte Systeme. Allerdings: Die Fassade hat in der Regel eine längere Lebensdauer, die zumindest teilweise die höheren Kosten kompensiert.

Ein aktuelles Beispiel bieten drei Neubauten mit Studentenwohnungen auf dem Campus Hönggerberg der ETH Zürich, die mit einer Keramikfassade in Erscheinung treten. Die Fassade ist geprägt von sich abwechselnden geschlossenen und offenen vertikalen Bändern, die über die gesamte Gebäudehöhe laufen. Zwei unterschiedliche Reliefarten führen zu einem Karostoff- Effekt, in dem sich horizontale und vertikale Bänder miteinander verweben. Die Verwebung erzeugt eine unterschiedliche Fern- und Nahwirkung der Gebäude – das Spiel mit Licht und Schatten bewirkt ein stetig wechselndes Erscheinungsbild. Schöne Beispiele für keramische Fassaden sind auch im Einfamilienhausbau zu finden.

Vertikale Begrünung

Im Hinblick auf die weitere Verdichtung der Städte sind begrünte Fassaden ein willkommener Ersatz für Grünflächen und eine wirksame Ergänzung im Repertoire der Fassadengestaltung. Gesichtslose Fassaden erhalten Charakter, südseitige Gebäudefronten bekommen eine wachsende Beschattung, Übergangszonen verlieren ihre Tristesse und Eingangsbereiche erfahren eine Aufwertung.

Für eine vertikale Bepflanzung stehen verschiedenste konstruktive Möglichkeiten zu Verfügung. Um das Wachstum zu sichern, kann ein automatisches Bewässerungssystem installiert werden, das zur richtigen Zeit die ideale Menge Wasser an die Pflanzen abgibt. Das Resultat sind jeweils Begrünungen, die grossflächige Gebäudefassaden schmücken. Mit einigen wenigen Schritten können sich schäbig wirkende Mauern ganz neu präsentieren. Denn bepflanzte Fassaden schützen vor UV-Licht, sind absorbierend bei Lärmemissionen und kühlend bei extremen Temperaturen. Zudem wirken begrünte Fassaden der Uniformität entgegen, zeigen sich attraktiv und freundlich und steigern somit den Wert der Immobilie.

Was sich trotz des grossen technischen Wandels und der vielfältigen Möglichkeiten in der Fassadengestaltung nicht geändert hat: Fassaden bilden immer noch das Gesicht von Bauten und Städten. Als eigenem Kosmos mit eigenständigen Gesetzen kommt der Fassade ein angemessener Stellenwert zu: vom Material über die Struktur und die Konstruktion zur Tektonik und damit zum Ausdruck des gesamten Bauwerks.