• Die Umgebung macht die Farbe

Die Umgebung macht die Farbe

18.04.2017     SANDRA AEBERHARD, Faktor Journalisten, Zürich

Fassadenfarbe – Bei der Farbwahl für die Hausfassade gibt es einige Stolpersteine, die sich aber leicht verhindern lassen. Wichtig ist dabei, die persönlichen Vorlieben hintenanzustellen und der oft über Jahrzehnte gewachsenen Farbigkeit eines Ortes den Vorrang zu lassen.

Farben sind etwas sehr Persönliches. Kein Wunder, scheiden sich die Geister, wenn es um die Farbgestaltung im öffentlichen Raum geht. Wer ein Haus besitzt, ist sowohl beim Bau als auch alle rund 30 bis 40 Jahre, nämlich dann, wenn die Fassade einen Neuanstrich nötig hat, mit der Frage konfrontiert, welcher Farbton gewählt werden soll. Ein Haus, auch ein freistehendes, steht in einer Umgebung, die es dabei zu beachten gilt. «Kontext heisst das Zauberwort», sagt Marcella Wenger-Di Gabriele, Farbgestalterin und Leiterin der Abteilung Gestaltung am Haus der Farbe in Zürich. «Auch freistehende Objekte sind Teil eines Ganzen – einer Siedlungsstruktur, einer Häuserzeile oder einer Topografie. Privat sind nur die Innenräume von Wohnbauten. » Hausbesitzer müssen sich also bewusst sein, dass die Fassade ihres Hauses Teil des Aussenraums ist und damit zum öffentlichen visuellen Allgemeingut zählt.

Farbe ist Identität

Doch wie geht man am besten vor bei der Farbwahl, um nicht Gefahr zu laufen, nach vollendeter Arbeit mit heftigen Reaktionen von Anwohnern konfrontiert zu sein? Marcella Wenger-Di Gabriele rät, eine sachliche Analyse der Situation vorzunehmen, in die der Ort, die Materialien und der Stil einfliessen. Denn ob Stadt, Dorf oder kleiner Weiler – jeder Ort hat seine eigene Farbgebung, die oft über die Jahrzehnte oder im Falle von historischen Stadtkernen gar über Jahrhunderte gewachsen ist. Im Laufe der Zeit hat sich eine ganze Reihe von Eigenschaften herausgebildet, die ihn einzigartig machen und ihm seine ganz eigene Identität verleihen. Diese Farbigkeit in der Architektur war früher vor allem geprägt von den lokal verfügbaren Materialien und von einem begrenzten Angebot an Farben. Heute hingegen ist der Wunsch nach Individualität sehr ausgeprägt. Hinzu kommt, dass neue Farb- und Materialtechnologien das Angebot drastisch erweitert haben und unsere heutige Kultur sehr stark von globalen Einflussfaktoren und von Modeströmungen geprägt ist. Im Gegensatz zu früher sind wir heute viel weniger im Lokalen und in der Tradition verankert. Doch bei der Farbwahl im öffentlichen Raum sollen nicht kurzlebige Modetrends und persönliche Lieblingsfarben den Ton angeben, sondern der im Kleinen, Lokalen vorhandene Reichtum an gewachsener farbiger Substanz. Diese sowie örtlich vorhandene Gesteine oder häufig verwendete Materialien können Anhaltspunkte sein auf dem Weg zum langfristig richtigen Entscheid und sollen bei der Farbwahl als Inspirationsquelle dienen. Ausserdem soll laut Wenger-Di Gabriele der Beweggrund für die Renovation grundsätzlich reflektiert werden: Weshalb renoviere ich? Muss die Fassade zwingend anders werden? Oder reicht es, die bestehende Farbe aufzufrischen, eventuell die Fassade zu reinigen, die Fensterläden nur nachzuölen und kleine Farbakzente zu schärfen?

Auch wenn die verputzte und gestrichene Fassadenoberfläche den grössten Teil der sichtbaren Gebäudehülle ausmacht, gilt es, das Zusammenwirken der Fassadenfarbe mit jener von Fensterrahmen, Fensterlaibung, Türen oder Markisen in Einklang zu bringen. Nicht das einzelne Element, sondern die Wirkung der gesamten Komposition muss man im Auge behalten.

Lieblingsfarbe – nicht an die Fassade

Ein häufiger Fehler, der Hausbesitzern bei der Farbwahl unterläuft, ist beispielsweise, dass man das Haus in der persönlichen Lieblingsfarbe streicht. Vielfach ist diese nicht nur viel zu bunt, sondern wurde aufgrund eines winzig kleinen und meist gedruckten statt gestrichenen Musters gewählt, das in der Realität aber deutliche Abweichungen zeigt.

Expertenrat einholen

Um sich vor solchen Fehlentscheidungen und den möglichen Reaktionen aus der Bevölkerung zu schützen, sollte man eine unabhängige Expertise durch eine Farbgestalterin oder einen entsprechend geschulten Maler einholen. Diese betrachten nicht nur die Farbe, sondern auch die Struktur der Oberfläche, die ebenfalls Einfluss auf die Gesamtwirkung hat. Erlaubt das Budget kein Farbkonzept durch einen Farbgestalter, empfiehlt es sich dennoch, den selbst gefällten Entscheid von einer Fachperson beurteilen zu lassen, die gegebenenfalls noch eine feine Abstimmung vornimmt.

Besondere Sorgfalt ist gefragt, wenn sich das Gebäude in einem historischen Kontext befindet. Die Fachstelle Farbe und öffentlicher Raum vom Haus der Farbe hat im Auftrag von Städten, Kantonen oder Gemeinden eine Reihe von praktischen Instrumenten entwickelt, die bei der Beratung von Bauherren in Sachen Farbe von grossem Nutzen sind. So beinhaltet beispielsweise das Standardwerk «Farbraum Stadt – Zürich» ein flächendeckendes Inventar der Fassadenfarben und -materialien innerhalb der Stadt Zürich mit quartierspezifischen Ausprägungen. Welche Farben sich in der Altstadt von Schaffhausen finden und ob es gar eine typische Schaffhauser Farbigkeit gibt, das zeigt das Buch «Farbkultur in Schaffhausen». Dieses soll bei der Farbplanung im Altstadtkern hilfreich sein. Ein ähnliches Werk liegt mit «Farbkultur im Thurgau pflegen und gestalten» auch auf Kantonsebene vor und nimmt nicht eine einzelne Stadt unter die Lupe, sondern ist der Farbigkeit verschiedener Orte gewidmet. Das Engagement, das Behörden und einzelne Bauherren zur Erforschung der Farbigkeit im Umfeld eines geplanten Neubaus oder einer Aussensanierung an den Tag legen, macht deutlich, dass die Frage der Farbwahl nicht mit den eigenen Präferenzen zu beantworten ist. Für ein die Zeit überdauerndes und auf breite Akzeptanz stossendes Resultat lohnt es sich, weiter zu denken und die individuellen Wünsche zugunsten einer Gesamtbetrachtung weniger stark zu gewichten. Mit einer sorgfältig evaluierten Farbwahl kann man sich nicht nur viel Ärger ersparen, sondern sich auch darüber freuen, einen essenziellen Beitrag zu einer nachhaltigen und optisch gelungenen Gesamterscheinung eines Dorfes oder Quartiers geleistet zu haben.

Archiv für Oberflächengestaltung

In fünfjähriger Arbeit hat das Haus der Farbe Materialien und Techniken der Oberflächengestaltung am Bau erforscht. Entstanden sind eine Mustersammlung mit rund 400 handgefertigten Exponaten und die Onlineplattform «A / O – Archiv für Oberflächengestaltung ». Die Plattform ist ein
praxisnahes Instrument für Architekten, Handwerker, Farbgestalter, aber auch für Bauherren. Sie unterstützt das Planen und Gestalten von Oberflächen in allen Phasen und zeigt die Vielfalt der Gestaltungsmöglichkeiten auf, die sich einem durch den differenzierten und handwerklich versierten
Einsatz von Materialien und Techniken eröffnet. https://ao.hausderfarbe.ch

Bund Schweizer Farbgestalter/innen in der Architektur
www.bsfa.ch

www.hausderfarbe.ch