• Die Sinnlichkeit von Form und Farbe

Die Sinnlichkeit von Form und Farbe

02.12.2016     SANDRA AEBERHARD, Faktor Journalisten, Zürich

Gemusterte Fliesen – Immer mehr Bauherrschaften begeistern sich für die Gestaltungsmöglichkeiten mit gemusterten Fliesen. Diese setzen farbliche Akzente in Bad, Küche und Entrée und verleihen einem Raum seinen einzigartigen Charakter.

Mit Ornamenten lassen sich Räume stimmungsvoll inszenieren. Gemusterte Textilien wie Teppiche, Kissen, Vorhänge, aber auch Tapeten eignen sich bestens als Stimmungsmacher. Wer sich vom ewigen Weiss definitiv verabschieden will, der setzt auf gemusterte Fliesen. Mit ihnen können Bad, Küche oder auch Entrée nach Lust und Laune inszeniert werden. Das Angebot an ornamentalen Fliesen hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen, denn offensichtlich entspricht es einem Bedürfnis, wieder vermehrt mit grafischen oder floralen Motiven zu gestalten. Eine Vielzahl von Firmen ist auf den Zug aufgesprungen und hat neue Kollektionen kreiert. So etwa der renommierte italienische Hersteller Bisazza, der Designern wie Paola Navone, Tom Dixon oder Jaime Haidon eine Carte blanche gegeben hat, um unter dem Namen Bisazza Contemporary Cement Tiles die traditionellen Zementfliesen neu zu interpretieren. Nebst den bekannten Namen existieren aber auch zahlreiche kleine, aber feine Manufakturen, die hochwertige Produkte in unterschiedlichen Materialien in Kleinserien herstellen. Ihnen eigen ist eine sinnliche Ausstrahlungskraft, die in der Unvollkommenheit der handwerklichen Fertigung gründet.

Zementfliesen – ein Klassiker wiederentdeckt

Zementfliesen haben eine lange Tradition und werden noch heute von Hand gegossen und gepresst. Wie weit ihre Geschichte zurückgeht, weiss man nicht genau, vermutlich bis in die Antike. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts fanden sie in Frankreich reissenden Absatz. Von dort aus verbreiteten sie sich nach Spanien und Portugal und weiter in die Kolonien in Übersee. Die damals weltgrösste Manufaktur ging 1903 in Kuba in Betrieb. Noch heute findet man deren Erzeugnisse in den zahlreichen prächtigen Bauten im ganzen Land. In den letzten Jahren hat die Zementfliese bei uns eine Renaissance erlebt. Für die Fertigung wird eine Mischung aus Marmormehl, Felsgranulat, feinem Sand und Farbpigmenten von Hand in eine vorgefertigte Metallschablone gegossen. Noch bevor das Material trocken ist, wird die Schablone wieder entfernt, was für sanfte Übergänge zwischen den einzelnen Farben sorgt. Auf diese 3 bis 5 Millimeter dicke, oberste Schicht werden Zement und Sand gestreut. Bei einigen Herstellern ist dies bereits die Trägerschicht, bei anderen kommt eine dritte Schicht hinzu. Die Platten werden anschliessend gepresst und während rund eines Monats an der Luft getrocknet. Diese Methode verleiht den Platten ihre einzigartige samtene Haptik. Claudia Pabst ist Expertin für Zementfliesen. Seit gut vier Jahren führt sie ihren eigenen «Plattenladen» in Zürich, in dem sie Fliesen aus Marokko, Vietnam und Spanien anbietet. Immer wieder ist sie erstaunt, wie unterschiedlich Räume je nach Farbe und Muster der Wand- oder Bodenplatten wirken. Zementfliesen sind dauerhaft, allerdings nicht säureresistent, und erhalten über die Jahre eine Patina. Nach dem Verlegen, das übrigens auch auf einer Bodenheizung möglich ist, rät Claudia Pabst, den Boden zu imprägnieren, damit er weniger empfindlich gegen Wasser und Flecken ist.

Handwerk aus dem Aargau

Exklusives Handwerk findet man im aargauischen Küttigen. In ihrer eigenen Keramik-Manufaktur fertigt Sabine Gürber seit 2015 Platten mit ganz unterschiedlichen Motiven. Jedes Exemplar formt und bemalt sie von Hand. «So entstehen Unikate, die nicht so exakt sind wie maschinell gefertigte Plättli, genau das macht aber ihren Charme aus», sagt Sabine Gürber. Die Einzelanfertigung hat den Vorteil, dass die Handwerkerin gut auf individuelle Wünsche eingehen kann. Es macht ihr Spass, herauszufinden, was ihre Kunden wünschen, und ihnen eine massgeschneiderte Lösung zu präsentieren. Viel zu kurz sind die Tage, um all das auszuprobieren, was ungezügelt ihrer Kreativität entspringt. Bevor sie ihre eigene Manufaktur für Platten gründete, hat Sabine Gürber Ofenkacheln für das Geschäft ihres Mannes gefertigt. Im Zuge einer Neuausrichtung, bedingt durch einen Unfall, hat das Ehepaar die Palette mit Keramikfliesen erweitert. «Ich liebe es, mit Ton zu arbeiten, ein Stück Erde zu formen», sagt die passionierte Keramikerin, die ihr ganzes Herzblut und viel Erfahrung in ihre einzigartigen Produkte steckt.

Raku – sinnliche Kunst aus Japan

Die Raku-Technik stammt aus Japan und wird seit Jahrhunderten von Generation zu Generation übertragen. Diese spezielle Brenntechnik wurde zuerst für Teeschalen entwickelt, die für die traditionelle Teezeremonie verwendet wurden. Karak ist eine kleine Fliesenmanufaktur im grenznahen Schlins im Vorarlberg, die kunstvolle Raku-Fliesen herstellt. In ihren Produkten verbinden sich archaisches Handwerk und moderne Gestaltung. «Wir lieben das Spannungsfeld zwischen der Perfektion und dem Fehler und glauben, dass Objekte, die aus dieser Spannung entstehen, in der Lage sind, uns auf rationaler und emotionaler Ebene zu berühren», bringen die drei Gründer ihre Philosophie auf den Punkt. Raku-Fliesen werden nach dem Formen getrocknet, glasiert und gebrannt. Ihre charakteristische, von Rissen gezeichnete Oberfläche erhält die Raku-Fliese durch das Räuchern in Sägespänen.