• Das Weiterbau-Potenzial im Einfamilienhaus entdecken

Das Weiterbau-Potenzial im Einfamilienhaus entdecken

16.03.2018     MARIETTE BEYELER Dr. sc., dipl. arch. ETH www.weiterbauen.info

Erweiterungsbau – Wenn das Haus der neuen Lebensphase entsprechen soll, lohnt es sich, über eine Umnutzung nachzudenken. Möglich sind verschiedene Szenarien.

Der Traum vom Haus mit Garten wird häufig dann verwirklicht, wenn Familiengründung und Nachwuchs anstehen. Diese Familienphase hat jedoch eine begrenzte Dauer. Die Kinder fliegen irgendwann aus, und die Eltern fragen sich: Was machen wir mit unserem Haus? Das ursprünglich für eine mehrköpfige Familie erstellte Heim wird für die Eltern alleine plötzlich zu gross. Eine grosszügige Wohnfläche und viele Räume haben nämlich für die Bewohner nicht nur Vorteile. Das Haus kann sich schnell als anstrengend und anspruchsvoll im Unterhalt erweisen. Der über Jahre, vielleicht Jahrzehnte hinweg gestaltete Umschwung nimmt mehr und mehr Zeit in Anspruch und kann zur Belastung werden. Die Gartenpflege übersteigt die eigenen Kräfte, oder man möchte im Alter etwas anderes unternehmen, als sich dem Garten zu widmen.

Trotzdem haben ältere Hauseigentümer häufig den Wunsch, das vertraute Haus und das angestammte Wohnumfeld zu behalten. Und dafür gibt es gute Gründe: Bei langjährigem Wohneigentum kommen neben der emotionalen Bindung an das Haus, den Garten und die Nachbarschaft auch finanzielle Vorteile hinzu, die zum Bleiben motivieren. So zum Beispiel die tiefen Wohnkosten, weil die Schuldenbelastung über die Jahre hinweg reduziert werden konnte. Zudem wird das Haus als Altersvorsorge betrachtet. Und natürlich entspricht der Ausbaustandard des Eigenheims dem persönlichen Geschmack, und man ist mit der Umgebung vertraut.

Wohnung innerhalb des Hauses?

Anstatt eine kleinere, komfortablere Wohnung anderswo zu suchen, lohnt es sich deshalb abzuklären, ob sich eine solche Wohnung nicht auch innerhalb der eigenen vier Wände schaffen liesse. Wohneigentum bietet nämlich einen Handlungsspielraum – dieser kann genutzt werden, um die Liegenschaft den sich ändernden Bedürfnissen anzupassen. Zum Beispiel lässt sich das Haus durch ein Teilen, Anbauen, Aufstocken oder Ausbauen so umgestalten, dass anstelle von einer neu gut zwei Wohnungen darin Platz finden. Eine davon nutzt man zum komfortablen Wohnen im Alter.

Die bestehende Wohnfläche reicht für eine solche Umnutzung meistens nicht aus – es braucht Raumreserven oder die Möglichkeit, das Haus zu erweitern. Für das Weiterbauen ist es deshalb ein Vorteil, dass die rechtlich zulässige Nutzung – gemäss den Bestimmungen der kommunalen Bauund Zonenordnung – häufig noch nicht ausgeschöpft ist. Somit bestehen Flächenreserven, durch die eine zusätzliche Wohnung im Einfamilienhaus möglich wird, ohne dass man dadurch die Qualität des individuellen Wohnens vernachlässigen muss. 

Investition zahlt sich aus

Die mit dem Weiterbauen verbundenen Kosten können als Hindernis empfunden werden. Eine zusätzliche Wohnung im Haus oder auf dem Grundstück bringt jedoch allen Beteiligten Vorteile: soziale und finanzielle. Die Nutzung der Flächen- und Raumreserven für die Schaffung von neuem Wohnraum und die Einnahmen, zum Beispiel aus Vermietung, helfen, die energetische Sanierung und Renovation des bestehenden Hauses zu finanzieren. Zudem garantieren die Einnahmen die Werterhaltung der Immobilie. Mitbewohner bringen ausserdem neues Leben in das unterbelegte Haus und bieten die Gelegenheit für soziale Kontakte.

Unter Umständen ergibt sich daraus auch Hilfe im Alltag. Im Mehrgenerationenhaus kommt die Unterstützung zuerst häufig der jüngeren Generation zugute. Zum Beispiel schaffen Eltern familienfreundlichen und kostengünstigen Wohnraum für eigene erwachsene Kinder, und sie betreuen eventuell sogar die Grosskinder. Später profiteren sie selbst von den Voraussetzungen im Mehrgenerationenhaus, die einen Verbleib zu Hause begünstigen, wenn man im Alter hilfs- und pflegebedürftig wird.

Dem Quartier helfen jüngere Zuzügler, die Bewohnerstruktur neu ins Gleichgewicht zu bringen. Der Überalterung wird entgegengewirkt. Bestehende Dienstleistungen bleiben dadurch erhalten, oder es werden sogar noch neue geschaffen.

Fingerspitzengefühl gefragt

Die Integration neuer Baukörper und die Gestaltung der Freiräume verlangen jedoch Fingerspitzengefühl und Fachkompetenz. Dadurch bleiben Aussenraumqualität, Identität der Wohnumgebung und Qualität des individuellen Wohnens gewährleistet. Neben dem Einfügen neuer Bauvolumen muss auch an den Bewohnerzuwachs gedacht werden. Damit das Beziehungspotenzial einer höheren Bewohnerdichte positiv genutzt werden kann, müssen Aussenräume, Zugänge, Gärten, Ein- und Ausblicke gut geplant und Möglichkeiten erhalten bleiben, die Distanz gewähren. Denn das Wohnen im Einfamilienhaus muss auch bei höherer baulicher und sozialer Dichte die Ansprüche an Individualität, Privatsphäre und Rückzugsmöglichkeiten erfüllen.

Veranstaltungen zum Thema: Neue Lebensphase – neue Wohnsituation

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WEITERE INFOS

Mariette Beyeler ist Autorin des Buches «Weiterbauen. Wohneigentum im Alter neu nutzen», erschienen im Christoph Merian Verlag in Zusammenarbeit mit der Age Stiftung. www.weiterbauen.info