• Alte Eleganz, neues Material

Alte Eleganz, neues Material

20.07.2017     MICHAEL STAUB, Journalist BR, Kriens

Retro-Badezimmer bringen den Charme vergangener Zeiten ins Haus. Traditionelle Formen erfreuen das Auge, moderne Materialien und Bauteile stellen einen guten Alltagskomfort sicher.

Helle Oberflächen, reduziertes Design, wandhängende WCs und geräumige Duschkabinen: Solche Badezimmer findet man nicht nur in Schweizer Einfamilienhäusern, sondern auch in Hotels oder Kongresszentren auf der ganzen Welt. Ganz anders ist hingegen die Wirkung eines Retro-Badezimmers: Freistehende, massive Badewannen mit Füsschen, opulent geschwungene Waschtische und prächtig glänzende Armaturen wecken Erinnerungen an Jugendstilhotels oder Wohnungen, die man in ferner Kindheit betreten hat. Schon fast exotisch wirken auch die bodenstehenden WC-Schüsseln inklusive hochhängendem Spülkasten und Kette.

Doch wer leistet sich überhaupt ein Retro-Bad? «Unsere Kunden in diesem Segment sind allesamt Eigentümer von herrschaftlichen Häusern oder Villen. Wenn diese saniert werden, soll das Bad zum Gebäude passen», sagt Thomas Schelker, Geschäftsführer der Edles Bad GmbH in Dintikon. Seine Firma führt ein umfangreiches Sortiment von Retro-Artikeln, vom viktorianischen Dreilochmischer bis zur freistehenden Badewanne. In der Schweiz seien Retro-Badezimmer leider nur ein Nischengeschäft, sagt Schelker: «Ein Bad muss nicht nur zum Gebäude, sondern auch zu seinen Benützern passen.» Genau hier ortet der Badezimmerspezialist einen Grund für die verhaltene Nachfrage. Fast alle Wohneigentümer bezeichneten sich als modern, «und wer modern ist, will halt kein Oldschool-Bad.»

Das Design durchziehen

Bei der Wohnungseinrichtung ist das Mischen verschiedener Stile, Epochen und Preisklassen seit Langem beliebt. Und mit dem Allzweckbegriff «shabby chic» lässt sich heute jede Deko- Entscheidung rechtfertigen, vom bunt lackierten Vogelkäfig über die windschiefen Gartenstühle bis zu Blechschildern mit tiefsinnigen Weisheiten. Anders sieht es im Badezimmer aus. «Hier braucht es Konsequenz », sagt Schelker, «sonst sieht es nicht gut aus. Ein moderner Mischer auf einem alten Lavabo, das ist wie eine Faust aufs Auge.» Wer ein Retro- Bad will, muss deshalb eine passende Keramiklinie wählen. Diese umfasst WC und / oder Bidet, Badewanne, Waschtische und passende Armaturen.

Während moderne Badewannen meist aus emailliertem Stahlblech oder Acryl hergestellt werden, verkauft Schelker im Retro-Segment auch massive Steingusswannen. Bei den massiven Wannen auf «Füessli» muss man das Badewasser etwas heisser einlassen als üblich, dafür wird die Wärme relativ lange gespeichert. Bei der Reinigung gilt es weniger das Material als die Oberfläche zu beachten: Modelle mit vielen Schnörkeln und Kurven sehen sicherlich interessanter aus als Standardwannen, sind aber aufwendiger zu putzen.

Bath Shop

Auf Retro-Bäder ist auch The Bath Shop spezialisiert. Im Ladengeschäft nahe dem Lindenhof in Zürich bietet Geschäftsführer Mike Federer unter anderem Lavabos und WC-Schüsseln in Hellblau, Gelb oder Grün an. Die Farben der 1950er-Jahre sind nicht jedermanns Geschmack. Wer hingegen das Besondere mag, kommt auf seine Kosten. «Die meisten unserer Aufträge umfassen komplette Badezimmer», sagt Federer, «wir liefern dann alles, von der Wanne und den Lavabos über die Armaturen bis zu Handtuchwärmern und weiteren Accessoires.» Die meisten Kunden besitzen Einfamilienhäuser, viele lassen sich von ihren Innenarchitekten vertreten. «Wir hören dann oft und mit Freude, dass die eckigen und modernen Formen im Badezimmer vielen Bauherren verleidet sind und sie eine Alternative umso mehr schätzen», sagt Federer.

Traditionelles Design und moderne Technik schliessen sich nicht aus. Bei den Wannen des «Bath Shop» finden sich einige Modelle aus emailliertem Gusseisen, andere sind aus Vitrit hergestellt. «Das ist ein Kompositmaterial, das die Wärme etwa sechs Mal besser speichert als Gusseisen», erläutert Federer. Das Material fühlt sich zudem warm an. Für die hochhängenden Spülkästen kommen Geberit-Ventile zum Einsatz. So verbindet sich englisches Design mit Schweizer Ingenieurskunst. Bei den Armaturen kann man sich trotz nostalgischem Äussern auf ein hochwertiges Innenleben verlassen. Es besteht aus modernen keramischen Teilen, die nahezu verschleissfrei sind. «Namhafte Hersteller wie Grohe oder Dornbracht verwenden identische Bauteile», sagt Federer, «und statt der alten, immer tropfenden Stopfbüchsen kommen heute selbstverständlich keramische Dichtungen zum Einsatz.»

Saubere Abklärung nötig

Auch im Badezimmer ist es etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben. Die Listenpreise der Retro- Produkte im Sortiment von Thomas Schelker unterscheiden sich nicht markant von Standardware. Viele Wannen oder Armaturen sind jedoch nicht an Lager, was einen Einzelimport notwendig macht. Die Mehrkosten entstehen somit durch die Lieferung. Durch Frachtspesen und Zolldeklarationsgebühren fallen so pro Einzelobjekt rasch Mehrkosten von etwa 200 Franken an. Wer alle Produkte vom selben Hersteller bezieht, fährt naturgemäss etwas günstiger. Relativ einfach ist dagegen die Montage der importierten Schätze. «Auch britische WCs passen. Das sind moderne Produkte, die gemäss DIN-Normen hergestellt werden», sagt Thomas Schelker von der Edles Bad GmbH. Man müsse lediglich darauf achten, dem Installateur vorgängig die technischen Daten anzugeben. Zu den Preisdifferenzen sagt Mike Federer von The Bath Shop: «Man sollte Gleiches mit Gleichem vergleichen. Hochwertige Armaturen und Keramikprodukte von anderen Herstellern sind gleich teuer wie unsere Retro-Linien.» Dank des umfangreichen Lagers von The Bath Shop entfielen zudem die Kosten für Einzelimporte.

Ist die Retro-Hardware im Badezimmer einmal installiert, stellen sich ganz andere Fragen: Harmoniert der Wasserhahn im viktorianischen Stil mit der hässlichen, aber von der Zahnärztin empfohlenen Schallzahnbürste? Und darf der Bauherr seinen Bartwuchs weiterhin mit einem Dreiklingenrasierer stutzen, oder müsste er zu Dachshaarpinsel und Rasiermesser greifen? Zum Glück ist die Antwort seit über hundert Jahren die selbe: Gegen das alltägliche Chaos im Bad hilft entweder ein grosszügiger Schrank – oder eine Portion Gelassenheit.